9 Monate kleines F

Mein liebes Baby,

ich muss noch ein letztes Mal diese Anrede benutzen, auch wenn du mit 8kg und ca. 78cm schon ziemlich „handfest“ aussiehst und kaum noch etwas an das winzige Neugeborene von vor 9 Monaten erinnert. Beim nächsten Brief in 3 Monaten wirst du nämlich schon 1 Jahr alt (!) und dann ist das mit dem Baby ja wohl endgültig passé…

In den vergangenen 3 Monaten hat sich einiges getan: man merkt jetzt deutlich dein Interesse an der Welt. Du hast bereits ein Lieblingsbuch („Mein erstes Buch von den Tieren“), das du immer beim Essen „liest“. Die dicken Papp-Seiten waren z.T. schon verklebt und haben ziemlich gelitten, aber das ist dir egal. Auf die Schieber stehst du total. Wann immer man fragt „Wo ist der Löwe?“ steckst du deinen kleinen Zeigerfinger in das Loch und ziehst den Schieber vor. DA ist der Löwe!
Auch frisst du jetzt nicht mehr die Seiten an und weichst die Pappe auf, bis die Farbe abgeht, sondern du benutzt Bücher tatsächlich so, wie ursprünglich vorgesehen. Jedenfalls meistens. Bye bye, orale Phase!


Dein liebstes Spielzeug ist momentan die große Feuchttücherbox neben dem Wickeltisch (auf den du kaum noch rauf passt übrigens). Wenn du die Box zu fassen kriegst, ziehst du sie zu dir ran, trommelst darauf rum und freust dich über diese fette Beute. Ich bin ganz froh, dass du die Taste zum Öffnen noch nicht entdeckt hast, aber lange wird wohl auch das nicht mehr dauern.
[Ich muss wohl nicht extra erwähnen, was sie – als könnte sie lesen, was ich gerade schreibe – just in diesem Moment hinter mir macht im Laufgitter? Es klingt jedenfalls so: rupf, hihi, rupf, hihi, rupf, …]

Apropos trommeln: Musik hast du vermutlich im Blut, genau wie deine große Schwester. Wenn ich Kinderlieder anmache aus der musikalischen Früherziehung, wippst du rhythmisch auf und ab, drehst deinen Kopf wild hin und her, lächelst und fängst an zu klatschen mit deinen kleinen Händchen.
Das. Ist. So. Süß!!
Wenn ich dich mal zum Unterricht mitnehmen muss oder du bei einer Probe dabei bist, hörst du aufmerksam zu, solange wir spielen. Wenn ich dann allerdings den Schülern etwas erkläre, äußerst du lautstark, wie unwichtig du dieses theoretische Gelaber findest und erklärst mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik, dass wir endlich weiterspielen sollen. Überhaupt ist deine Gestik wahnsinnig ausdrucksstark. Ich kann mich nicht erinnern, dass Fiona das ähnlich ausgeprägt hatte. Zum Beispiel streckst du deine Händchen aus, machst mit den Fingern immer wieder eine Faust, drehst sie dabei leicht und öffnest sie wieder, wenn du etwas haben oder mitteilen möchtest.
Winken, Klatschen und energisches Kopfschütteln („Neeee“) sind deine neusten Features, die du bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu perfektionieren versuchst.

Wenn du staunst, formst du mit deinen Mini-Lippen einen Kreis und sagst immer wieder zärtlich „Oooooohhhh!“. Staunen kann man übrigens über einen leeren Karton genauso wie über blinkendes Plastikspielzeug. Oooohh, ooohhh!
Zu deinem Vokabular zählen außerdem MAMAMAM und BABABA, sowie lautes Lachen aus vollster Kehle, so dass man sich dabei selbst kaum halten kann, so ansteckend!

Wenn deine Cousine Charlotte zu Besuch ist, könnt ihr euch jetzt schon richtig unterhalten!
„Agraa“ – „Mamam!“ – „Rrrguu“ – „Babbooee“ – „Chrrr“. Sie ist 3 Monate jünger als du und von Mal zu Mal merkt man, wie sich der anfangs noch riesige Unterschied langsam „verwächst“. Ihr interessiert euch für das gleiche Spielzeug, ihr tragt die gleiche Kleidergröße und einer Cousine kann man ganz wunderbar ein bisschen an den Haaren ziehen, vor allem, wenn sie davon mehr hat als man selbst! Es ist toll, euch beiden beim Wachsen zuzusehen!

Seit etwa 4 Wochen bist du mittendrin in der Fremdelphase, das heißt konkret: MAMA!
Solange du auf meinem Arm aus sicherer Entfernung andere Leute angucken kannst, lächelst du sogar. Aber wehe, wenn ich auf die Idee komme, auf „Kann ich sie mal nehmen?“ mit „Ja“ zu antworten. Dann brüllst du auf dem fremden Arm von 0 auf 100 so, als würde man dir Arme und Beine ausreißen. Nehme ich dich wieder, bist du schlagartig ruhig und grinst. Nun ja…

Die Nachmittage verbringst du – zusammen mit deiner Schwester – immer für 2 Stunden bei meiner Mama. Das klappt super und durch den täglichen Kontakt fremdelst du bei ihr nicht. Im großen Kinderwagen, liebevoll dein Wohnmobil genannt, kannst du entspannen, spielen, schlafen und fühlst dich wie zu Hause. Ihr verbringt jeden Tag eine harmonische Zeit miteinander, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du mich kommen siehst. Denn dann muss man seinem Unmut weinend Ausdruck verleihen.

Du bist in jeder Hinsicht ein „extremes“ Baby, so lala gibt es bei dir nicht. Entweder bist du sehr freundlich, lachst, flirtest und quietschst vor Freude oder aber du bist extrem genervt und tust das auch sehr deutlich kund. Ich bin jedes Mal überrascht von dem erstaunlichen Repertoire an Gesichtsausdrücken, über die du schon verfügst! Am besten präsentieren kannst du sie übrigens beim Mittagessen: bei Kartoffeln mit Hackfleisch oder Nudeln Bolognese kann es gar nicht schnell genug gehen und du lachst wie eine Hyäne, immer wenn du einen Bissen im Mund hast, und bei Rahmspinat ziehst du die angeekelt-Palette aus dem Ärmel. Börgs!
Was du besonders gut kannst, ist, Bananenstückchen, Gurkenscheiben oder auch Spielzeuge in nicht dafür vorgesehene Öffnungen zu stecken. Wenn du fertig gelesen hast, drehst und wendest du zum Beispiel dein Buch so lange, bis es tatsächlich in die kleine Lücke zwischen deinem Stuhl und der Wand passt. Bumms, weg. Außerdem interessierst du dich brennend für Physik und die Phänomene des Alltags: wie lange braucht die Schüssel, bis sie unten angekommen ist? Was macht sie für ein Geräusch? Klingt sie genauso, wenn sie links vom Stuhl fällt oder rechts? Klebt Marmeladentoast, wenn man es auf Mamas Kopf fallen lässt, während die gerade unter dem Tisch Essensreste aufsammelt? Macht ein beherzter Griff in die offene Butter die Haut weicher? Und wohin fliegt eigentlich Brei, wenn man ihn mit Schwung vom Löffel katapultiert? ….

Gestillt wirst du immer noch, aber eigentlich nur über den Tag verteilt ein Mal und dann abends zum Einschlafen bzw. nachts. Ich bezweifle, dass es da noch um Nahrungsaufnahme geht. Viel mehr ist es das Bedürfnis nach Nähe und Nuckeln und da du weder Däumchen noch Schnuller nimmst, funktioniert das Einschlafen nicht anders. Es ist ja nicht so, dass wir keine Nuckel hätten! Alle erdenklichen Farben, Formen und Modelle hast du zur Auswahl. Du steckst ihn dir beim Spielen in den Mund, gerne auch falschrum, nur um ihn danach mit angeekeltem Gesichtsausdruck wieder rauszuziehen. Ich glaube, das haben sich die Hersteller irgendwie anders gedacht, Baby! Ich für meinen Teil genieße diese ruhigen, innigen Momente noch, weil ich weiß, dass wir uns nie wieder so eng verbunden fühlen werden wie jetzt beim Stillen.

Wenn du, wie gerade diesen Moment, mit einer leeren Schultüte von Fiona spielst und ich sehe, wie du auf der Spitze kaust, sage ich laut „Nein!“ und nehme sie von deinem Mund weg. Darüber ärgerst du dich so, dass du im Laufgitter randalierst wie Godzilla! Du probierst es immer wieder, das machst du bestimmt nur, weil ich weiter oben geschrieben habe „bye bye, orale Phase“. Man, Murphy!

Ich werde oft gefragt, ob es unter den Geschwistern schon Konkurrenz gibt.
Momentan ist es, wie schon von Anfang an, noch die ganz große Liebe von beiden Seiten. Niemanden guckst du so verliebt und glücklich an, wie deine große Schwester. Und von ihr bekommst du jeden Nachmittag, wenn wir sie von der Schule abholen, als Erstes einen Kuss. Sie liebt dich abgöttisch und ich laufe fast über vor Glück, wenn ich euch zusammen kuscheln sehe.

Was das Krabbeln angeht, machst du keinerlei Anstalten. Es ist genau wie vor 5 Jahren. Fiona ist irgendwann einfach aufgestanden und losgelaufen mit dem rosanen Puppenwagen. Ich vermute, bei dir wird es ähnlich ablaufen (haha). Wenn du in Bauchlage auf dem Teppich liegst, schiebst du dich rückwärts und legst so schon ganz schöne Strecken zurück. Besonders motivierend wirken kleine Lego- oder Playmobilteile, die du wie ein Adler aus einiger Entfernung schon anvisierst und als Ziel ins Auge fasst. Aber wenn ich dir auf alle Viere helfen will, guckst du mich an, als wäre ich von einem anderen Stern, lässt dich wieder in Bauchlage fallen und ignorierst deine außerirdische Mutter. Aber Krabbler waren wir ja alle keine, das ist wohl irgendwie genetisch bedingt.

Als ich deinen 6-Monatsbrief geschrieben habe, war gerade das erste Zähnchen unten rechts durchgekommen. Danach hattest du eine ganze Weile nur unten 2 lange Kuchenzähne, die bei jedem Lächeln dafür sorgten, dass man dich sofort knutschen wollte, weil es so niedlich aussah. Vor ein paar Tagen haben sich zu den Hasenzähnchen noch 2 gigantische obere Schneidezähne gleichzeitig dazugesellt! Die Spitzen, die rausgucken, sehen aus, als wären sie viiiel zu groß für deinen kleinen Mund und haben ganz schöne Zahnschmerzen gemacht! Und fotoscheu sind sie außerdem.

Im August warst du zum ersten Mal krank mit 39 Fieber. Ich gab dir alle paar Stunden Zäpfchen und Fiebersaft abwechselnd und leidete ganz schrecklich mit, weil es dir nicht gut ging und du quengelig und insgesamt ganz schön reduziert warst. Nach ein paar Tagen Fieber kamen dann plötzlich rote Punkte überall und damit stand die Diagnose fest: das 3-Tage-Fieber. Bei Fiona lief das damals nicht so „glimpflich“ ab, denn die hatte sehr hohes Fieber (40 und mehr) und sogar Fieberkrämpfe. Da macht man ganz schön was mit…

Deine Augen sind inzwischen eindeutig nicht mehr blau, wie es im Reisepass steht, sondern dunkelgrün. Deine blonden Haare wachsen nun auch sichtbar und du hast sehr große Ähnlichkeit mit deiner Schwester, sagen alle. Wenn du friedlich schlummerst und ich deine süße Schlafschnute sehe, könnte ich dir stundenlang dabei zugucken!
Und manchmal sehe ich dich an und staune einfach nur über diesen kleinen eigenständigen Menschen, der da im Laufgitter sitzt und randaliert, und der vor gut 9 Monaten noch in meinem Bauch gestrampelt hat. Ein Wunder eben…

Du machst uns vollständig, Felicia.
Ich liebe dich,
deine Mama

 
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Schwanger – der neunte Monat

Der neunte Monat, Woche 33 – 36

„9. Monat – WAAAAS? Aber du hast doch noch ein paar Wochen!?“
Wie ganz am Anfang im allerersten Monat (der eigentlich noch gar keiner ist) schon mal erklärt, wird eine Schwangerschaft nicht in Kalendermonaten, sondern in Mondmonaten gezählt, d.h., 4 Wochen = 1 Monat. Der erste Monat beginnt mit der letzten Regel, also wenn man eigentlich noch gar nicht schwanger ist. Dadurch kommen am Ende nicht wie im Volksmund üblich die berühmten 9, sondern ganze 10 Monate (40 Wochen : 4 = 10) heraus.

Zu Beginn des neunten Monats haben wir zusammen Halloween gefeiert, natürlich mit entsprechender „spooky“ Bauchbemalung ein paar Tage vorher. Ich trug ein Kostüm, als wir um die Häuser zogen, und wurde von (älteren) Nachbarn auf den kugeligen Hexenbauch angesprochen. Meine Märchenanspielung „Da ist Gretel drin“ haben sie allerdings nicht verstanden und beglückwünschten mich stattdessen zu dem schönen Namen Gretel. Ups.
Ende Oktober habe ich mir eine fiese Erkältung eingefangen mit einem handfesten Schnupfen. Die machte zusätzlich zur Kurzatmigkeit das Keuchen nach 3 Treppenstufen nicht wirklich besser und blieb die kommenden Wochen hartnäckig…

„Letztes Wochenende war der Geburtsvorbereitungskurs, Sa. und So. von 10 – 14 Uhr, speziell für Zweiteltern. Nachdem unser erster Kurs 2009 von einer kinderlosen Esoteriker-Hebamme mich nicht von den Socken gehauen hatte, habe ich erst überlegt, ob wir dieses Mal überhaupt einen Kurs machen sollten. Immerhin kann man sich auf eine Geburt nicht wirklich vorbereiten, die passiert einfach. Aber als meine coole Hebamme ihren Zweit-Eltern-Kurs vorgeschlagen hat, war ich sofort überzeugt. Die Frau ist so toll, das musste einfach lustig werden. Und genau so war es dann auch! Wir waren 8 Paare: von sehr sympathisch bis eher unterirdisch alles vertreten. Und wozu nun so ein Kurs, wenn man doch schon ein Kind bekommen und schon eine Geburt erlebt hat? Weil jede Schwangerschaft anders ist, weil die erste Geburt mit der zweiten absolut nichts gemeinsam haben muss, außer das Kind, das am Ende dabei rauskommt, weil man nach ein paar Jahren gefühlt ALLES vergessen hat (Blasensprung? Sofort liegend ins Krankenhaus? Oder doch noch zu Hause auf die Wehen warten?) und weil es gut tut, sich ganz bewusst diese 2 Vormittage Zeit für Baby Nummer 2 zu nehmen, wo doch schon die gesamte Schwangerschaft wahnsinnnig schnell vergeht und irgendwie „nebenher“ läuft. 

Die Hebamme hat gefragt, was uns speziell interessiert, was wir wiederholen möchten und was vielleicht komplett irrelevant ist. Mit einem Becken aus Stoff, einem Fruchtblasensack mit Plazenta („Das habt ihr alles auch, außer die Schnur mit der Kordel, natürlich!“) und einer Babypuppe hat sie uns am Anfang realistisch und ausführlich demonstriert, was Körper und Kind im Verborgenen anstellen, wenn die Geburt kurz bevor steht und welches Teil sich wohin drehen muss, damit es dann auch wirklich los gehen kann. 
Am Süßesten waren aber die Männer mit ihren Fragen. Einer hat gehört, dass man mit „Wehengesängen“ die Geburtsschmerzen lindern kann und wollte wissen, ob sie das mit uns üben könne, jemand anderes wollte gerne die Plazenta als homöopathische Kügelchen verarbeiten lassen. Es gibt übrigens nichts, was es nicht gibt! Auf jeden Fall hat sie uns Hoffnung gemacht, dass sich die Kreißsaalhebamme auf uns freuen und Spaß mit uns haben wird, weil Zweit- bzw. Mehrgebärende meist ganz genau wissen, was sie wollen und was nicht. Und ganz wichtig: beim Verdacht auf „echte“ Wehen nicht mehr den Badewannentest zu Hause machen (in der warmen Wanne werden echte Wehen stärker), sondern am Besten gleich ins Krankenhaus fahren. Das „Körpergedächtnis“ vergisst nichts und weiß beim zweiten Mal eben schon, wie alles funktioniert. Dementsprechend schneller verläuft eine zweite Geburt dann auch meistens.

Die einzelnen Geburtsphasen hat sie kurz und humorvoll erklärt (Phase 1: die Wehen kommen unregelmäßig, Muttermund öffnet sich langsam. Man macht noch Witze. Phase 2: Muttermund ist vollständig geöffnet, Wehen kommen regelmäßig und in kurzen Abständen, man macht keine Witze mehr, sondern verflucht Partner, Ärzte und Klinikpersonal, inoffizieller Beiname dieser Phase : „Der Exorzist“, Phase 3: Kind kommt. Plazenta auch noch irgendwann hinterher. Alles wieder gut. Äh, war was?!) und obwohl man richtiges Atmen eigentlich nicht üben kann, hat sie uns noch die „Rotzhochziehatmung“ von der sog. Schwarzwaldhebamme in ihrer Ausbildung demonstriert: ganz kurz und schnell einatmen (wie Rotze hochziehen) und anschließend etwas länger und ggf. laut ausatmen. Soll sehr effektiv sein. Ansonsten gab es noch ein paar Hinweise für hinterher, z.B. Netzschlüppis aus dem KH mitgehen lassen (beileibe nicht schön, aber ungemein praktisch), schon vorher Wochenbettzubehör kaufen für zu Hause (ja, bei einer Geburt fließt Blut und nein, es gibt nichts Erotischeres als sog. „Vorlagen“ mit dem Namen PELZY) und wir haben erfahren, was Magerquark und Weißkohl mit dem u.U. schmerzhaften Milcheinschuss am 3. Tag zu tun haben (Heiß, heiß, heiß! Löschen!). Alles in Allem ein spannendes und informatives Wochenende mit vielen netten Bekanntschaften! In diesem Sinne: lasset die Geburten bald beginnen!“

Auf der Rückfahrt vom zweiten und letzten Tag Geburtsvorbereitungskurs dann der elterliche Super-GAU, Zitat, mein Mann: „Duu? Irgendwie werde ich mit dem Namen (Anm. d. Red.: den wir seit etwa 10 (!) Wochen als Favoriten haben) doch nicht warm. Und an die Schreibweise kann ich mich auch nicht gewöhnen. Können wir noch mal neu verhandeln? Oder ersten und zweiten Namen umdrehen?“ AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHHHHHH!

Eintrag ins Babytagebuch, ein paar schlaflose Nächte und Namensdiskussionen später:

„Hallo Prinzessin, du wirst es nicht glauben: DU HAST EINEN NAMEN! Ich habe in den letzten Tagen seitenweise Blätter vollgekritzelt mit allen möglichen Vorschlägen und Kombinationen und dabei bin ich bei einer bestimmten immer wieder gelandet. Als ich deinem Papa die vorgeschlagen habe, war er sofort einverstanden und dann das Verrückteste: er zeigte mir einen kleinen Zettel in seiner Schreibtischschublade mit Namensvorschlägen. Keiner seiner Namen war unter meinen Favoriten, aber ganz unten stand sie dann: genau die Kombination, die ich für dich rausgesucht hatte! Damit war der Name nun wirklich beschlossene Sache. Fiona haben wir nicht eingeweiht, denn sonst wüsste es die ganze Welt schon, bevor du geboren bist, weil sie sich so auf dich freut und so kleine „unwesentliche“ Details wie einen Namen nicht für sich behalten könnte. Aber als ich ihr mal viele verschiedene Namen aufgezählt und gefragt habe, welcher ihr am Besten gefällt, hat sie ebenfalls genau den genannt, den du bekommen sollst. Ich glaube, das kann kein Zufall sein. Heute war übrigens auch wieder Termin bei der Ärztin. 

Gesicht im Profil, v.l.n.r.: Stirn, Nase, Mund

Der Muttermund ist noch fest zu, aber langsam könnten sich die ersten Senkwehen ankündigen. Abends auf der Couch komme ich kaum mehr ohne Hilfe hoch, Modell „gestrandeter Wal“. Frau Doktor wirkte ein bisschen überrascht beim Ultraschall, weil du schon 2500g wiegst und 42 cm groß bist, ein bisschen mehr als der Durchschnitt für diese Woche.  Sie meinte: „Sehen Sie das? Ihr Kind sieht schon ziemlich „fertig“ aus, rundes Bäuchlein, Gesicht schon gut gepolstert, da ist schon alles dran.“ 
Ich: „Also Fiona wog 3,6kg bei der Geburt.“ Sie: „Na ob das hier mal reicht…?“ Es bleibt spannend, vielleicht machst du dich ja wirklich ein bisschen früher als Heiligabend auf den Weg zu uns. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt und freue mich riesig auf dich, kleine Weihnachtsmaus!“


Mein Schwangerschaftsnewsletter aus dem 9. Monat fragte übrigens passenderweise, ob Mama und Papa schon ein paar Vornamen in die engere Wahl genommen hätten. Hahaha, sehr witzig. Außerdem gucke ich regelmäßig in eines meiner liebsten Bücher zum Thema: „Schwangerschaft und Geburt“ von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi. Herrlich unverkrampfte („Ausfluss: Iiieeh, hässliches Wort. Liegt – wie so vieles – an den Hormonen. Trösten Sie sich mit dem Gedanken, dass Sie immerhin mehr als neun Perioden sparen.“), überspitzte und ziemlich direkte Bestandsaufnahme der „besonderen Umstände“

Ich zitiere mal den Zustand im dritten Trimester, S.72: „Im Spiegel sehen Sie ein fremdes Ich: Brüste, Bauch, Po – alles irgendwie überdimensioniert. Ein Zustand, an den man sich nur schwer gewöhnen kann. Aber immerhin ist jetzt allmählich das Ende in Sicht. Das Wesen in Ihrem Bauch hat sich schon fast zu einem fertigen Menschen entwickelt. Und Sie haben das beruhigende Gefühl, dass heutzutage schon Babys, die in der 28. Schwangerschaftswoche geboren werden, recht gute Überlebenschancen haben. Und falls Sie bisher Angst vor der Geburt hatten: die wird jetzt ersetzt durch den immer stärker werdenden Wunsch, das alles möge ein Ende haben – eine hervorragende Einrichtung der Natur.“


Besonders schön ist auch immer der kurze Exkurs mit dem Stempel „FÜR MÄNNER“ mit der Überschrift: So fühlt sich eure Frau.

Zitat, S.88: „Sie glaubt nicht, dass sie jemals wieder einen Bikini tragen, locker-flockig Treppen steigen oder ungestört schlafen können wird. Wenn ihr euch ein entferntes Bild vom Zustand einer im neunten Monat schwangeren Frau machen wollt, seien hier folgende Übungen empfohlen:
01. Setzt euch an einen Tisch, und zwar so, dass die Tischplatte von unten gegen die unteren Rippenbögen drückt. So in Etwa fühlt sich Sitzen an für eure Frau (nur, dass das Baby nicht nur gegen die Rippen drückt, sondern auch die inneren Organe zusammenquetscht).
02. Tragt eine Bierkiste vom Supermarkt nach Hause und dann in den vier
ten Stock. So in Etwa fühlt sich Gehen bzw. Treppen steigen für eure Frau an.
03. Leiht euch die Latzhose eurer Frau, stopft das Sofakissen rein, stellt euch vor den Spiegel und überlegt, welches Sakko dazu passt. So in Etwa fühlt sich Ausgehen an für eure Frau.
04. Geht mit euren Kumpels was Scharfes, Fettiges beim Chinesen essen und trinkt dazu ordentlich Alkohol. Völlegefühl? Sodbrennen? So in Etwa fühlt sich Schlafengehen an für eure Frau (nur, dass sie nicht den Spaß mit dem Alkohol hatte).“



„Heute begännen (gibt es diesen Konjunktiv?) rein theoretisch die 6 Wochen Mutterschutz vor der Geburt, zumindest für Arbeitnehmerinnen. Ich hab zwar den Unterricht schon drastisch reduziert, habe aber noch Einiges vor bis Dezember. Immerhin stehen ja noch Konzerte an, für die geprobt werden muss. Aber wenn der Bauch manchmal hart wird und es beim Laufen zieht, als ob das Kind jeden Moment rausfällt, ahne ich dunkel, warum es diese Schutzfrist für Mütter gibt… Also alles langsam angehen lassen, jetzt ganz besonders! Manchmal kriege ich richtig Panik vor der Geburt und weiß gar nicht so recht, wieso. Eigentlich bin ich ganz entspannt und denke mir, es wird schon alles klappen. Aber an manchen Tagen wird mir heiß und kalt, wenn an den Moment denke. Und schlecht. Und panisch. Warum nur? Ich kann es mir nicht erklären, ist auch immer nur kurz und wahrscheinlich wie so Vieles: ganz normal im Endstadium. Habe jetzt endlich angefangen mit Fionas Hilfe („Hier steht Fünf-Null-Strich-Fünf-Sechs, nehmen wir!“) Babysachen nach Größe zu sortieren und zu waschen. So klein, unvorstellbar, dass du die bald tatsächlich tragen wirst! Laut der gängigen Empfehlungen für die Erstlingsausstattung benötigt man lediglich 4 Bodies, genauso viele Strampler, eine Jacke und ein Mützchen. Der Blick in die Babykommode mit den gewaschenen Klamotten sagt: wir könnten auch Drillinge bekommen. Klamottentechnisch wäre es jedenfalls kein Problem…“

Zu dieser Zeit haben wir (Nestbau?!) alles noch fehlende Zubehör besorgt: Fläschchen, Nuckel, HA-Nahrung, Einmal-Waschlappen, Wegwerf-Wickelunterlagen, einen stillfreundlichen Schlafanzug
zum Knöpfen vorne, ein langes Nachthemd für die Geburt, … Und in der 36. Woche hat es mich dann auch endlich gepackt: das Verlangen, die sog. Klinik-Tasche zu packen. Was da drin sein sollte, lässt sich eigentlich in wenigen Worten zusammenfassen: Klamotten, bei denen es einem später nicht weh tut, wenn man sich von ihnen trennen muss. Nein, mal im Ernst: eine Geburt ist zwar nicht direkt mit einem Splatterfilm (engl. to splatter – spritzen) zu vergleichen, aber zu romantisch-verklärt sollte man sich das Ganze nicht vorstellen. Frau liegt im Kreißbett, presst mit geschlossenen Augen hoch konzentriert die Lippen aufeinander, macht einmalig ein Geräusch wie beim Kugelstoßen – Schnitt – ein sauber-glänzendes Baby im Arm und eine top gestylte Mama im Bett – das gibt’s nur im Film.
Also neben den Wegwerf-Shirts ein paar kleine Duschgel-Shampoo-Zahnpasta-Fläschchen in Reisegröße, eine bequeme Hose, Latschen (die Klinik bat ausdrücklich um „keine Flip-Flops“, denn das Geräusch, wenn Schwangere in Erwartung der Geburt die Gänge hoch- und runterfloppen, sei unerträglich, hahaha) und warme Socken, denn eine alte Hebammenweisheit besagt: kalte Füße – schlechte Wehen. Klar, Lieblingsmusik kann man sich mitnehmen, etwas zum Lesen auch. Ob man dafür unter der Geburt tatsächlich die Nerven hat, wage ich allerdings zu bezweifeln. Als Letztes gehören noch Familienstammbuch, Versichertenkarte und Mutterpass da hinein, aber die haben wirklich noch ein bisschen Zeit. Also, Kliniktasche? CHECK.

„Jetzt sind wir auch laut offiziellem Termin in der 36. SSW. Hooray! (Arzt hat den 24.12. als Berechnungsgrundlage genommen, ich selbst bin nach Eisprung-Bienchen-und-Blümchen-Rechnung beim „inoffiziellen“ 20.12. gelandet) Gestern hatte ich das Geburtsplanungsgespräch im Krankenhaus. Kann man machen, muss man aber nicht. Der Vorteil ist, dass die Akte schon angelegt und bei der tatsächlichen Vorstellung zur Geburt dann alles Bürokratische erledigt ist und man demzufolge unter Wehen keine überflüssigen Fragen beantworten muss. So der Plan. 
Die Oberärztin hat kurz Ultraschall gemacht, sich aber in erster Linie auf die „Funktionsfähigkeit“ von Plazenta und Gebärmutter beschränkt, also Durchblutung und Versorgung untersucht. Im Arztbrief steht „Grannum Grad 1-2“, das bedeutet (es gibt Grad 0 – super – bis Grad 4 – schlecht. Danke, Dr. Google), dass die Plazenta so langsam den Geist aufgibt und anfängt zu verkalken. Ist aber in dem Stadium völlig normal, da sie ja eh nur auf eine „Haltbarkeit“ von 40 Wochen ausgelegt ist, also alles im grünen Bereich. Von dir habe ich nur ein rundes Köpfchen gesehen, das aber noch nicht ins Becken gerutscht ist. 2620g wiegst du in Etwa, das ist gar nicht so wenig (aber Durchschnitt für diese SSW) und 6,7cm Oberschenkelknochenlänge entsprechen einer Gesamtkörpergröße von 46,9cm. Wow! Danach musste ich noch etwa 20min auf das Hebammengespräch wegen der Formalitäten warten, und wo? Genau, direkt im KREIßSAAL!“ 

aus dem Aufklärungsbogen „Geburtshilfliche Maßnahmen“

Das letzte Mal, dass ich einen Kreißsaal von innen gesehen hatte, live und in Farbe, war im Oktober 2009. Wobei von „live und in Farbe“ hier eigentlich nicht die Rede sein kann, denn in meiner Erinnerung ist alles ein bisschen schwammig vernebelt. Ich könnte nicht mal mehr sagen, welche Farbe die Wände hatten. Zurück zu 2014: ich setzte mich an den kleinen Tisch für die Angehörigen und schaute mich um. Links das Kreißbett mit Stillkissen, daneben CTG und allerhand Kabel und Schnüre, und rechts ein gigantisches Ungetüm namens „Gebärwanne“ mit Hochziehseil (pardon, aber Schwangere aus Wannen zu hieven ähnelt ein bisschen dem Bild von Kränen auf Schrottplätzen). Dahinter ein Pezziball, ein vorbereitetes Babybett, Wickeltisch mit Wärmestrahler, Waage, usw. Die Uhr tickte und nebenan veratmete eine Gebärende ihren 3cm offenen Muttermund mit lauten „Oooohhh“s und „Aaaahhhh“s. Zwischendurch liefen Hebammen und Krankenschwestern an der offenen Kreißsaaltür vorbei und winkten mir fröhlich zu. Ich grinste schief, hatte aber ein mulmiges Gefühl so zwischen den ganzen „Geburtsgerätschaften“ und hoffte, die Hebamme würde bald kommen. So bei „vollem Bewusstsein“ ist ein Kreißsaal nämlich irgendwie unheimlich.

Hier wurden und kleine Menschen geboren. Echte! Hier in diesem Raum machten sie ihren ersten Schrei, wurden gewogen und ihren Mamas auf den Bauch gelegt. Und in etwa 5 Wochen würde genau das mit mir und meinem Baby so passieren. Ach du Scheiße! Als dann endlich die freundliche Hebamme kam, besprachen wir ein paar Fragebögen mit Organisatorischem, ich bekam (nur für den Fall der Fälle) den Aufklärungsbogen zur PDA (Periduralanästhesie, also Rückenmarksbetäubung), den ich zu Hause ausfüllen konnte, und Infoflyer zum Thema Neugeborenenscreening, Vitamin-K-Gabe und Lachgasinhalation gegen Geburtsschmerzen (das gibt es wirklich!). Zum Schluss hieß es nur, man freue sich auf die Weihnachtstage mit mir in der Klinik („Wir machen es uns dann schon gemütlich hier, keine Angst!“) und ich solle mich direkt am Termin im Krankenhaus vorstellen, also Heiligabend, falls nicht vorher die Wehen einsetzen. Sollte sich dann noch nichts tun, werde man noch eine weitere Woche warten bis zur Einleitung, die fiele dann genau auf den 31.12., Silvester. Nun ja, die Termine haben wir uns vielleicht wirklich nicht so günstig „ausgesucht“, aber ich gehe ja fest davon aus, dass die kleine Lady ihr erstes Weihnachten schon live mit uns unterm heimischen Tannenbaum feiern möchte…Drückt uns die Daumen!

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