"Ich will zu meiner Mama"

Ein ganz normaler Dienstag Morgen: liebevoll geweckt werden, aufstehen, frühstücken, anziehen, waschen, Zähne putzen, Haare kämmen, zusammen lachen, ein Kuscheltier für die Kita aussuchen und losfahren. Im Auto Fachgespräche über Biene Maja und das Motto für den 5. Geburtstag im Oktober. Alles gut. Vor dem Kindergarten angekommen einen akuten Schnuffelanfall kriegen und noch 5min im Auto sitzen bleiben und mit „Liem-Hasi“ kuscheln (der nur für die Fahrt dabei ist und normalerweise nicht mit in den Kindergarten geht, weil er viel zu wichtig ist…). Krümelmonster, der eigentlich heute mit rein sollte, im Auto lassen und stattdessen Hasi mitnehmen. Okay, ausnahmsweise… Danach folgte mein persönlicher Kita-Albtraum:

In der Garderobe angekommen, wollte sie plötzlich nicht Jacke und Schuhe ausziehen, sondern drückte sich mit dem Gesicht an mich. Nanu? Ich half ihr beim Ausziehen und wir gingen zum Gruppenraum, die Tür stand offen. Von Weitem winkte schon die Erzieherin. Ich kniete mich hin um sie zu verabschieden, mit einem Kuss, „Viel Spaß“ und „Ich hab dich lieb“, wie jeden Morgen. Auf ein Mal hing sie sich an meinen Hals, setzte sich auf meinen Schoß und sagte, sie wolle nicht hier bleiben und lieber mit mir mitkommen in die Schule. Oh nein! Ich redete die nächsten 10 Minuten wie mit einem kranken Tier. „Willst du mal gucken, was die anderen da basteln“, „wollen wir mal schauen, ob deine Freundin schon da ist“, „ihr geht nachher bestimmt in den Garten“, „weißt du schon, was es heute Leckeres zum Mittag gibt“, „Ich muss doch heute wieder in die Schule und danach hole ich dich ganz schnell ab“, … Nichts half. Beim heftigen Umarmen stieß sie sich zu allem Überfluss auch noch den Kopf am Türrahmen und die Tränen rollten. Ihre beste Freundin kam und sagte, sie könne gerne mitspielen mit dem Puppenhaus, allerdings gäbe es keine Puppen mehr. Ich: „Ach, da findet ihr bestimmt noch eine!“ Die Freundin: „Nee, wirklich, da sind nur noch zwei. Eine hat Amélie und eine habe ich.“ Super.
Kind klammerte weiter. „Ich will bei dir bleiben.“

Irgendwann kam die Erzieherin und flüsterte mir zu, sie glaube, wir sollten besser kurzen Prozess machen. Sie nahm Fiona auf den Arm, ich beugte mich rüber um sie zu küssen, als sie schon „neeeiiiiiin“ rief. Dann sagte ich ihr, dass ich sie lieb habe und ging. Im Flur hörte ich sie noch schreien: „ICH WILL ZU MEINER MAMAAA!“. Ich lief schneller, die Tränen rollten meine Wangen hinunter. Ich drehte mich nicht nochmal um obwohl meine Beine schwer waren wie Blei und ich am Liebsten stehengeblieben wäre. Die gesamte Rückfahrt im Auto heulte ich wie ein Schlosshund.
Immer wieder hallten die Worte in meinem Kopf nach, ich hörte sie rufen: „Ich will zu meiner Mama!“. Es hat mir fast das Herz gebrochen. Ach, was sage ich. Es HAT mir das Herz gebrochen.
Es erinnerte mich an meine Kindheit, ich hatte das auch manchmal. Ich weiß, wie schlimm dieses Gefühl ist in dem Moment und wie allein man sich fühlt. Aber ich weiß auch, dass es ihr nicht hilft, wenn ich sie dann wieder mit nach Hause nehme. Vielleicht ist sie einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Den ganzen Morgen war alles okay. Sie mag die anderen Kinder und auch die Erzieherin sehr gerne. Ich weiß nicht, was sich heute früh in dem kleinen Kopf abgespielt hat. Während ich jetzt, nach über 2 Stunden, immer noch daran denke und mich kaum auf meine Unterrichtsvorbereitung konzentrieren kann, ist bei ihr bestimmt schon wieder alles in Butter und wenn ich sie abhole, wird sie sagen, ich sei viel zu früh, sie wolle noch im Garten spielen…

Zum Glück ist so ein „Anfall“ sehr selten, vielleicht 2x im Jahr, aber wenn, dann leide ich wohl noch viel mehr als sie. Ich glaube, durch die Schwangerschaftshormone kam es mir heute noch schlimmer vor. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber obwohl man eigentlich weiß, was man tun muss (verabschieden und gehen, Stichwort liebevolle Konsequenz), fühlt man sich in der Situation so hilflos. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir hätten beide heulend auf einem viel zu kleinen Kindergartenstuhl gesessen und nach unseren Mamas gerufen. Kennt ihr das?

Und an Tagen wie heute wird einem bewusst, wie viel Wahrheit doch in dem Spruch mit dem Herzen steckt, das man ab der Geburt außerhalb seines Körpers trägt…

Foto: angieconscious/ pixelio.de

Schwanger – der dritte Monat

Der dritte Monat, Woche 9 – 12 
(oder: Endspurt der längsten 12 Wochen meines Lebens…)

„Hey dritter Monat, hallo! 9. Woche, das klingt schon total schwanger! Ab sofort heißt du Fötus und nicht mehr Embryo („Keimling“). Du bist ca. 1,4cm groß und fängst jetzt an, deine Mini-Arme und Mini-Beine zu bewegen, natürlich noch nicht spürbar. MORGEN ist er endlich, der große Tag, an dem wir uns sehen bzw. eher ich dich. Ich weiß gar nicht, was ich fühlen soll: aufgeregt, vorfreudig, ängstlich, zuversichtlich, panisch, ruhig, zufrieden, verliebt, hoffnungsvoll, beunruhigt – irgendwie alles gleichzeitig!“

Auch wenn zu dem Zeitpunkt (bis auf einen kleinen Blähbauch) äußerlich meist noch nicht viel zu sehen ist, arbeitet der weibliche Körper in diesen Wochen auf Hochtouren. Er baut um und an, produziert Zellen, Blut und was er sonst noch so braucht für einen 2-Personen-„Haushalt“. Vor allem aber beschert er der werdenden Mama eines: Hormone! Diese kleinen Biester sorgen zwar einerseits dafür, dass man auch noch in den nächsten 7 Monaten von der Regel verschont bleibt, andererseits sind sie auch verantwortlich für die wirren Gedanken und gegensätzlichen Gefühle, die man plötzlich mit sich herum trägt (siehe oben).

„Ich hatte einen aufgeregten Blutdruck von 129/85 und habe auf dem Stuhl beim Arzt fast die Luft angehalten vor Anspannung! Endlich die erlösenden Worte: „HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!“ Yes! Kein Suchen und kein Raten: sofort die große Fruchthülle mit Dottersack und Inhalt auf dem Monitor! Ein „großer“, kräftiger Embryo mit erkennbarem Kopf und Körper und deutlich schlagendem Herzchen. 1,44cm großes Glück, das entspricht SSW 7+6, also nur 4 Tage weniger als nach meiner Rechnung. Das ist absolut im Rahmen und kann auch durch Messungenauigkeiten entstehen. Dadurch ergibt sich allerdings als Entbindungstermin eine Punktlandung am Heiligabend, 24.12.2014. Das wird spannend, ein Weihnachtswunder! DU BIST DA UND ES GEHT DIR GUT!!! Ich könnte die ganze Welt umarmen. Endlich haben sie auch Blut abgenommen und das ganze Schwangerschaftsprogramm gestartet. Es ist offiziell, ich bin ZWEI! Mutterpass gibt’s leider erst nächstes Mal in 4 (!) Wochen, eine gefühlte Ewigkeit…“

Der Übergang vom 3. zum 4. Monat ist die magische Grenze, ab der eine Fehlgeburt sehr unwahrscheinlich wird. Manche Ärzte warten mit dem Ausstellen des Mutterpasses tatsächlich bis zum Beginn des 4. Monats. Vorher gilt das Alles-oder-Nichts-Prinzip: geht bei der Zellteilung oder der Entwicklung des Embryos irgendetwas schief, beendet die Natur die Schwangerschaft in diesem frühen Stadium. Neben den ganzen guten Gedanken und der wöchentlich wachsenden Vorfreude, wächst aber auch noch etwas anderes: die Angst um die anderthalb Zentimeter Mensch im Bauch. Sie begleitet einen von dem Zwei-Linien-Moment auf dem Klo an und wird in diesen letzten 4 Wochen vor Ablauf des „kritischen Countdowns“ nicht unbedingt besser. Selten sind Tage und Wochen so unglaublich langsam vergangen wie die des dritten Monats… Außerdem möchte man endlich allen sagen, was los ist, Aufklärungsarbeit leisten über die anhaltende „Magenverstimmung“ der letzten Wochen und sich am Liebsten die frohe Botschaft mit Edding auf die Stirn schreiben. Nur noch 2-3 Wochen den Mund halten. Fiona fragte in dieser Zeit immer öfter aus heiterem Himmel, wann wir denn ein Geschwisterchen kriegen würden. Sie wünsche es sich doch schließlich so sehr. „Bald, mein Schatz. Bestimmt ganz bald…“

„Hallo Baby, du bist jetzt schon ca. 2,5cm groß, wiegst gerade mal 4,5 Gramm und siehst aber schon aus wie ein richtiger kleiner Mensch! Alles ist schon dran und muss „nur noch“ wachsen und reifen. Das Gefühl, einen echten Minimenschen im Bauch spazieren zu tragen ist immer noch so unwirklich und beim 2. Mal nicht weniger aufregend als beim ersten! Diese Woche wächst deine Nasenspitze und deine individuellen Hand- und Fußabdrücke bilden sich aus. Ein Wunder! In ein paar Tagen kann ich auch endlich deine große Schwester einweihen. Ich platze sonst!“

Und weil ich bei Fiona vor 5 Jahren Anfang der 11. Woche zum Ultraschall war und in dieser Zeit das mit Abstand niedlichste Bild der gesamten Schwangerschaft bekommen habe („Oh, ein Gummibär!“), habe ich nach meinem Arztbesuch telefonisch noch einen zusätzlichen Termin vereinbart für genau diese Zeit, einerseits zur Beruhigung für mich und andererseits, um das kleine Gummibärchen auf dem Monitor nicht zu verpassen. 21€ ist er mir allemal wert, dieser zusätzliche Ultraschall. Yippie!

„Der absolute Wahnsinn, Baby! Ich hab immer noch solche Herzaugen, wenn ich an den Moment denke, als wir uns „gesehen“ haben. Du bist in den vergangenen 2 Wochen unglaublich gewachsen, ganze 3,68cm groß von Kopf bis Po (SSL = Scheitel-Steiß-Länge) und ein richtiges, echtes, kleines Menschlein. Es war wie im Film: Ultraschall an, Baby da, du hast dich kräftig bewegt und es sah aus, als würdest du am Däumchen lutschen. Ich hätte stundenlang zusehen können, wie du dich bewegst, so schwerelos in deinem Zuhause. Das ist so emotional und gleichzeitig so unwirklich: das da auf dem Bildschirm ist in meinem Bauch drin! Waaaah! Mein Baby! P.S. Abends mörderschlecht und gekotzt. Aber egal. Ich bin einfach nur glücklich.“

In dem Moment, als auf dem Monitor zu sehen war, wie du deine Mini-Beinchen streckst und strampelst, hörte ich meine Mama hinter dem Vorhang schniefen. Die durfte mit zum Termin und war fix und fertig und total überwältigt. 1986 war die Technik noch eine andere. Dass man heutzutage bereits ein paar Wochen nach der ersten Zellteilung ein dreieinhalb Zentimeter großes Kind und u.a. dessen 10 winzige Finger so genau sehen kann, davon war man vor 28 Jahren noch ein ganzes Stück entfernt.

Im Verlauf des dritten Monats war ich abends immer so tot, dass ich mich zu nichts mehr in der Lage fühlte. Manchmal habe ich nicht mal mehr geschafft, mit Fiona Zähne putzen zu gehen. Übel war mir auch immer noch, nicht mehr ganz so oft, aber wenn, dann richtig. Da half nur liegen und Augen zu!

„12.SSW – heute sind es noch genau 200 Tage, 80 schon geschafft! Ich dachte, dass das Schlecht-Level inzwischen schon bei Null angekommen sein müsste, ist es aber nicht! Tagsüber ist alles okay, aber abends lege ich mich um 7 auf die Couch und stehe nicht mehr auf, so schlapp! Und überhaupt, was ist eigentlich mit meiner Haut los? Ich hatte nie typische Teenie-Probleme mit Pickeln und unreiner Haut. Bis jetzt. Fast täglich ist irgendwo was im Gesicht, was da nicht hingehört. Habe mir (zum ersten Mal in meinem Leben!) Concealer gekauft und jetzt auch eine dunkle (haha) Ahnung, wofür Frauen sowas benutzen. Mein Schwangerschaftsnewsletter meint dazu: entweder strahlen Sie jetzt, wie nur eine werdende Mama strahlen kann – leuchtend-gesunder Teint, schöne Nägel und volles, glänzendes Haar ODER das genaue Gegenteil tritt ein.“  Hauptgewinn, würde ich sagen.

Mein Newsletter kündigte mir übrigens neben dem Gegenteil eines strahlenden Teints auch den hCG-Peak für diese Zeit an. Danach nimmt die Hormonkonzentration wieder etwas ab und demzufolge sollen auch Übel- und Müdigkeit weniger werden. Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt!

„Ich warte schon sehnsüchtig auf den Energieschub, der kommen soll, wenn die ersten 3 Monate geschafft sind. Kann mir im Moment nicht vorstellen, jemals wieder so fit zu sein, um ins Fitnessstudio zu gehen oder überhaupt irgendetwas Zusätzliches zu machen außer den täglichen Abläufen und der Arbeit. Ach übrigens, Wehwehchen fangen schon an, haha! Wenn ich mich im Bett von einer auf die andere Seite drehe oder ruckartige Bewegungen mache, zieht es in der Leiste. Sollen wohl die Mutterbänder sein. Körperteile, von denen man nicht weiß, dass man sie hat. Meine Waage zeigt schon – ähm – ein bisschen mehr an als noch vor ein paar Wochen, aber ich esse ja auch fast alles, das mir in den Weg kommt und das permanent. Ein elender Teufelskreis: je weniger Pausen ich zwischen den Mahlzeiten lasse, desto weniger schlecht ist mir… Vielen Dank dafür.“

„Du wirst große Schwester!“

„Fiona war letzten Mittwoch Mittagskind. Ich habe Kindersekt zum Anstoßen gekauft, wir haben zusammen gekocht und dann habe ich zu ihr gesagt, dass es etwas zu feiern gibt: „Nono, du wirst große Schwester! Wir kriegen ein Baby!!“ Sie machte riesengroße Augen und sagte: „Echt?! Zeig!“ Ich habe ihr ein Ultraschallbild gezeigt („Hihi, Mama, sieht aus wie ein Elefant!“) und ihr einen Button geschenkt, auf dem „Große Schwester“ steht. Den trug sie ganz stolz und wollte ihn nicht mal zum Schlafen abmachen. Außerdem küsst sie inzwischen regelmäßig meinen Bauch abends („bye bye, Baby, kiss good-night“) und cremt ihn ein. Hach! P.S. Mein kleines Dezemberchen, du sorgst nun schon seit 3 Monaten für so ein Durcheinander in meinem Körper, würdest aber noch locker auf einen Suppenlöffel passen. Verrückt, das! Wir bekommen tatsächlich ein Baby, so richtig echt und ohne Quatsch!“

……………………………………………………to be continued…………………………………………………….

<– 2. Monat

Schwanger – der zweite Monat

Der zweite Monat, Woche 5 – 8

Da hat man gerade erst vor ein paar Tagen den positiven Test in der Hand gehalten und ehe man sich’s versieht, ist man schon im zweiten Monat schwanger. „Wie weit bist du denn?“ – „Im zweiten Monat!“ klingt ja schon mal gut, nur, dass die Wenigsten ihrem Umfeld bereits zu diesem frühen Zeitpunkt von ihrer Schwangerschaft erzählen.
Kurz vor Beginn der 5. Woche sind wir in den Urlaub geflogen. Am Morgen nach meinem positiven Test, um genau zu sein. Den Abend vor der Abreise habe ich mit Googeln verbracht. Fazit: Fliegen ist – auch zu diesem sehr frühen Zeitpunkt – nicht schädlich. Was bleiben will, das bleibt. Während des Fluges schaute ich immer wieder auf meinen Bauch, hielt ihn gedankenverloren fest, als ob er sonst abfallen könnte. Nur ich weiß, was da drin ist… Der erste Urlaub mit 2 Kindern? Okay, du warst zu dem Zeitpunkt ein 1-2 Millimeter großes Zellhäufchen, das vermutlich noch nicht mal als schwarzer Fleck in der Gebärmutterschleimhaut zu erkennen gewesen wäre bei einem Ultraschall, aber im Herzen bedeutet dieses zweite Strichlein auf dem Test eben viel, viel mehr. Mein Baby.
Hatte ich den Appetit auf Käse erwähnt aus der Zeit, bevor ich von der Schwangerschaft wusste? Im Bordmenü gab es ein Laugenbrötchen und u.a. ein Stück Weichkäse. Musste mich als erstes auf den Käse stürzen, dabei habe ich bis vor wenigen Jahren überhaupt noch keinen gegessen…
In Ägypten angekommen, konnte ich mich nur in einer Position sonnen und mein Rücken musste unfreiwillig weiß wieder nach Hause fahren: auf dem Bauch liegen ging gar nicht! Der war zu dem Zeitpunkt noch unauffällig flach, verraten können hätte mein kleines Geheimnis nur das debile Dauergrinsen, aber „meine Brüste bringen mich um“ steht in meinem Schwangerschaftstagebuch. Sie fühlten sich an wie zwei große, blaue Flecken und blieben auch eine ganze Weile so.
Nach dem Schnorchelausflug fragten unsere Freunde, mit denen wir die Tour gemacht haben, ob sie uns noch kurz auf einen Abstecher mit in die Wüste nehmen könnten, um etwas abzuholen bei den Beduinen. Wüstentour for free war toll, allerdings ist die ägyptische Wüste größtenteils kein feiner Sandstrand, sondern eine hügelige Piste aus Sand und Steinen. Um auch nicht die kleinste Erschütterung abzubekommen, „schwebte“ ich die Fahrt über mit Kraft meiner Oberschenkel ein paar Zentimeter über dem Sitz, um das „Häufchen“ nicht durchzurütteln. Den Muskelkater davon kann ich – fast – immer noch spüren…
Gut, dass ich in dieser ersten schwangeren Woche nicht zu Hause gewesen bin, sonst hätte ich mich wohl direkt beim Frauenarzt im Wartezimmer einquartiert, damit er „nur mal guckt ob alles in Ordnung ist“. Wer schon mal schwanger war, weiß, dass das Quatsch ist. In der 5. Woche sieht man noch gar nichts, meistens nicht mal eine Fruchthöhle (das ist der kleine schwarze Fleck in der Gebärmutter, nicht Baby, sondern „nur“ Babys Zuhause erstmal), höchstens eine aufgebaute Schleimhaut, wie sie auch kurz vor Einsetzen der Regel zu sehen wäre. Aber die Angst um das millimetergroße Häufchen fährt eben vom ersten Tag an mit (und wird wohl nicht zwingend weniger für die kommenden 18 Jahre). Für die ersten Tage oder Wochen einer Schwangerschaft sollte es eine Art „Pregnancy Test Kit“ zu Studienzwecken geben, mit verschiedenen Tests diverser Marken, auf denen man dann selber die Strichstärke auswerten kann. Es ist sooo interessant! Das Schwangerschaftshormon hCG verdoppelt sich anfangs etwa alle 2 Tage. Nicht schwanger hat man einen Wert von unter fünf. 14 Tage nach dem Eisprung liegt er im Falle einer Schwangerschaft schon bei ca. 90. Die gängigen Urintests messen je nach Marke eine Konzentration ab 10, 25 oder auch 50 IE/l (Internationale Einheiten pro Liter). Da die Konzentration bis zur 12. Woche stetig steigt, verändert sich auch die Strichstärke. Was anfangs nur ein zarter Hauch von zweiter Linie war, zeigte sich eine Woche später schon als ausgewachsener, fetter Strich. Yes, du bist wirklich da, mein kleines Dezemberchen!

In dem Moment, in dem ich „so richtig“ schwanger war, kam auch die Sache mit dem Essen bzw. nicht essen. Als VIP-Gäste des Hotels durften wir uns an einem Abend ein besonderes Menü vom Küchenchef zubereiten lassen mit 4 Gängen. Ich freute mich schon wie blöd auf das Eis mit Früchten zum Nachtisch, aber soweit sollte es nicht kommen. Schon während der Vorspeise (Hawaii-Salat, mmhhh!) schwand der Appetit und ich musste kapitulieren und mich ins Bett legen. Der „Chef de Cuisine“ tat mir wirklich leid, musste er doch ernsthaft an sich und seinen Kochkünsten gezweifelt haben, aber da war wirklich nichts zu machen. Zu allem Überfluss hat der Geruch von Fionas Erdbeerzahncreme dann auch noch spontanen Würgereiz ausgelöst. Na super, das ging ja gut los…

In der 6. Woche, wieder zurück in Berlin, wurde mir permanent ein bisschen schlecht nach dem Essen und abends war ich so müde, dass ich oft fast im Stehen eingeschlafen wäre. Am nächsten Morgen dafür um 7.45 Uhr wach (trotz Ferien) und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Habe mit Pokerface ganz nebenbei zu meinem Mann gesagt, dass ich wohl in den nächsten Tagen mal zum Frauenarzt gehen werde, „weil ich meine Tage schon so lange nicht mehr hatte“. Er wollte direkt am selben Tag einen digitalen Test kaufen. Aus der eigentlich geplanten Überraschung mit dem ersten Ultraschallbild wurde dann spontan doch eine andere, nicht weniger gelungene:
[3+ bezeichnet die Anzahl der Wochen seit der Befruchtung, war genau 21 Tage danach]

Zu dem Zeitpunkt war der Embryo etwa so groß wie eine Erbse. Eine Erbse mit schlagendem Herzen. Tagebuch: „5 Millimeter – unfassbar, dass aus dir in einigen Monaten ein richtiger Mensch werden wird. Ich liebe dich jetzt schon und freue mich unglaublich auf diese Schwangerschaft und alle Erfahrungen, die man beim 2. Mal bestimmt noch viel bewusster und intensiver wahrnimmt!“
Meine Mama (aus frühen Kindheitstagen von allen „Sasa“ genannt) hat übrigens mit großen Augen diesen Zettel vorgefunden:

Mitte der 6. Woche wollte ich E-N-D-L-I-C-H zum Frauenarzt gehen, um mir die Schwangerschaft bestätigen zu lassen. 5+3, da könnte man mit etwas Glück vielleicht sogar schon einen Embryo sehen als winzigen weißen Punkt in der schwarzen Blase. Ich wartete nach dem Urlaub noch hibbelig den Ostermontag ab, um am Dienstag Morgen gleich um 5 nach 8 bei der Ärztin vor der Tür zu stehen. Vor einer verschlossenen, wohlbemerkt: „Wir machen URLAUB.“ Aahh! Auch alle anderen Gynäkologen in der Umgebung hatten sich ausgerechnet die Woche nach Ostern für ihren Praxisurlaub ausgesucht, hätte man sich denken können. Ich notierte in meinem Tagebuch: „Die andere Ärztin hat auch Urlaub. April ist definitiv kein guter Monat zum Schwangerwerden!“ Am Mittwoch, einen Tag nach meinem geplanten Arztbesuch, wollte ich zu einem Workshop nach Baden-Württemberg fahren, beruflich nicht ganz unwichtig. Aber ich konnte doch nicht einfach fahren, ohne zu wissen, ob da in meinem Bauch wirklich alles in Ordnung und an Ort und Stelle war! Ich traute mich gar nicht, mich richtig zu freuen, aus Angst, dass wieder irgendetwas nicht stimmen könnte [Letztes Jahr positiver Test, Schwangerschaftshormon und Fruchthöhle vorhanden, aber leider keine embryonalen Anlagen, ein sog. „Windei“].

Die permanente Übelkeit wertete ich jedenfalls als gutes Zeichen (viel übel = viel Hormon) und machte mich am nächsten Tag auf den Weg nach Süddeutschland. 2 Tage später erst nur ein bisschen rot am Klopapier und dann etwas später der Schock auf dem Klo: BLUT! Viel hellrotes Blut. Nein, scheiße! Panik! Ich habe den letzten Workshop am Freitag Nachmittag sausen gelassen und bin in strömendem Regen über den Marktplatz gelaufen auf der Suche nach meiner damaligen Frauenärztin. In dieser Stadt hatte ich 3 Jahre gewohnt, war aber so verwirrt, dass ich die Praxis nicht mehr gefunden habe. Die Tränen liefen. Der Regen auch. Es war wie in einem schlechten Film.
Also zurück zur Ferienwohnung, von dort aus angerufen und letztendlich doch wieder hingefunden. Noch nie in meinem Leben war ich so glücklich über die (eher ungewöhnliche) Freitagabend-Sprechstunde eines Arztes gewesen. Ich wartete etwa 1 Stunde, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, ein Buch oder eine Zeitung zu lesen. Ich guckte raus in den Regen und hoffte einfach nur das Beste. Im Behandlungszimmer schilderte ich die Situation und meine Angst. Die Ärztin beruhigte mich erstmal und machte gleich einen Ultraschall, den allerersten in dieser Schwangerschaft. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich hielt vor Anspannung die Luft an, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Auf dem Monitor ein dunkler Fleck in der Gebärmutter. Oh nein. Wie damals. Komm schon, Baby! Dann ein krisseliger, heller Kranz. Der Dottersack. „Wo ein Dottersack ist, ist auch ein Baby……..Moment………..ich suche………..DAAAA!!!

Die nette Ärztin hat selber kurz aufgeschrien vor Freude, denn da war tatsächlich ein klitzekleines pulsierendes Pünktchen zu sehen, das Herz! Mein eigenes hat in dem Moment wohl kurz ausgesetzt.
Obwohl wirklich nicht viel zu erkennen war, hat Fr.Dr. mir ein Bild ausgedruckt, wahrscheinlich einfach, um dem Häufchen Elend, das ich bis kurz vorher noch gewesen bin, etwas in die Hand drücken zu können. Und als ob es ein Wink des Schicksals gewesen wäre: der Name, der oben links auf dem allerersten Ultraschallbild steht, ist nun der gleiche wie damals bei der großen Schwester, als ich noch im Süden gewohnt und studiert habe…

Mir war in dieser Zeit oft vom Augenöffnen bis zum Schlafengehen speiübel, allerdings meistens ohne Erbrechen. Ich habe das eine Mal für sagenhafte 112€ Lebensmittel eingekauft, nur um die ganze restliche Woche nicht noch mal in den Supermarkt gehen zu müssen. Eine echte Herausforderung! Auch Facebook und Twitter: man sollte nicht meinen, wie viele Leute ihr Essen posten, bei denen ich schnell – sehr schnell – weiterscrollen musste, um Schlimmeres zu verhindern… Ein Mal hat mein Mann Kuchen gebacken um mir eine Freude zu machen. Ist leider nach hinten losgegangen. Der Geruch des eigentlich leckeren Schokokuchens im Ofen war so schlimm, dass ich mich an dem Abend mit einer Decke auf den Balkon setzen musste zum Atmen ^^
Geholfen hat von allem, was man gegen die Übelkeit machen kann, nichts, außer schlafen vielleicht. Nein, mal im Ernst:
so viele Möglichkeiten hat man nicht, wenn Medikamente wegfallen. Etwas essen vor dem Aufstehen und länger liegen bleiben, frische Luft, viel Trinken, Zwieback, Kekse, Knäckebrot für zwischendurch, keine fettigen, sauren oder frittierten Speisen, an Zitronen riechen, Ingwertee trinken (DAVON wurde mir erst richtig schlecht!), Akupressurbänder für’s Handgelenk (hatte ich bei Fiona damals, hat nicht geholfen) und der für mich letzte Hauch von Strohhalm zum Dranfestklammern: homöopathische Kügelchen. Anderen scheinen sie ja zu helfen, vielleicht bin ich einfach immun dagegen, wer weiß. Ich glaube, ein bisschen Linderung verschafft hat mir „Nausema“, ein reines Vitaminpräparat, das helfen soll, den Mangel an B-Vitaminen auszugleichen, der für die Übelkeit verantwortlich sein kann.
Alles ein bisschen spekulativ, ganz genau weiß man es eben nicht. Wie auch immer – rückwärts ging eh nicht mehr, also Augen zu und durch. Man kann es sich zwar nicht vorstellen, aber mit Beginn des 4. Monats ist die Übelkeit bei den allermeisten Frauen verschwunden, wenn sich der Körper auf die ganzen „Umbauarbeiten“ und Mamawerdungsprozesse eingestellt hat, also hat man in den Hoch-Zeiten des Schlecht-Seins wenigstens einen Countdown zum Rückwärtszählen…

so groß wie ein Reiskorn

In der 7. Woche war dann auch meine Ärztin endlich wieder da. Ich vereinbarte einen Termin und ging nun relativ gelassen und entspannt an die Sache ran, wusste ich ja, dass da ein kleines Herzchen fleißig schlägt und alles in Ordnung ist. Beim Ultraschall war ich voller Vorfreude, doch auf dem Monitor war wieder nur eine große schwarze Blase. Endlose Sekunden vergingen: „Also ich sehe jetzt im Moment noch nichts…“ DAS KANN NICHT SEIN, VERDAMMT! Irgendwann hat sie dann doch noch Dottersack und einen winzigen, pulsierenden Strich gefunden, meinte aber nur trocken, es sei noch sehr früh. 5./6. Woche. Ich solle in 2 Wochen nochmal kommen. Ich hatte mich so auf diesen Termin gefreut (Blutuntersuchungen? Mutterpass? „Herzlichen Glückwunsch“?) und dann die Ernüchterung: „noch sehr früh“. Immer wieder hörte ich diese Worte in meinem Kopf. Und ich machte mir Sorgen. Ich wusste, dass 5. Woche nicht stimmen konnte. Aber erstmal den Ball flach halten. Da hat ein kleines Herz geschlagen, das ist erstmal die Hauptsache. Diese frühen Untersuchungen sind Fluch und Segen zugleich. „Bestimmt hast du in 2 Wochen alles aufgeholt, was dir an Größe gefehlt hat, stimmt’s?“ schrieb ich in mein Schwangerschaftstagebuch… In dieser Woche bekam ich übrigens eine Nachricht von meiner besten Freundin, aus heiterem Himmel, sie habe geträumt, ich sei schwanger. „Wäre doch schön, wenns wahr werden würde, oder?“ – „You got me. Es ist wahr, 7.Woche :D“

so groß wie eine Blaubeere

In der „Blaubeerwoche“ (8.SSW) ist der Embryo von der (Eizellen-)Größe einer Bleistiftspitze auf etwa 1,5cm gewachsen und hat schon winzige Finger und Zehen! Die Übelkeit war immer noch da, gleichzeitig aber auch der Appetit. Paradox! Der Heißhunger fing an mit Vollkornbrot-mit-Schinken-und-Radieschen (YES! Immerhin, schließlich war es beim letzten Mal McFlurry!) und etwas später Buttertoast zum Frühstück. Kaffee ging gar nicht mehr (vorher 4-5 Tassen tägl.) und Wasser, ganz normales Wasser, löste sofortigen Würgereiz aus! Das war dann die Orangensaftphase, zu 100% unverdünnt, versteht sich.Wenn ich Appetit auf irgendetwas bekam, musste ich das sofort essen und dann auch manchmal eine ganze Woche lang nichts anderes. Ich bestellte Möhreneintopf bei meiner Mama und aß ihn täglich von Montag bis Donnerstag. Als meine Mama das mit dem Appetit auf den Eintopf meiner Oma erzählte, wurde die gleich misstrauisch: „Ist sie schwanger?“. Die Frauen der eigenen Familie sind eben eine ganz besondere Spezies mit überaus feinen Antennen… Und jetzt noch eine „Beichte“ zum Schluss: in der 8. Woche – Ende des 2. Monats – habe ich zum ersten Mal eine Umstandsjeans angezogen. Nicht, dass der wachsende Bauch es schon erfordert hätte, aber normale Hosen drückten plötzlich beim Sitzen. Optisch unterscheidet sie sich nicht groß von einer normalen, aber die eigentliche Jeans beginnt erst direkt unter dem Bauch und darüber ist das Paradies: ein ganz weiches, extrem dehnbares Bündchen.
Auszug aus dem Babytagebuch: „Nur noch 5 Tage bis zum nächsten Termin!! Fiona weiß noch nichts von dir, aber ich platze, wenn ich es ihr nicht bald erzählen kann. Noch 4 Wochen… „Übergestern“ habe ich mit ihr *einfach so* das Buch „Wie entsteht ein Baby“ gelesen, darin steht sinngemäß: „Mama und Papa müssen sich sehr lieb haben und zusammen schlafen.“ Fiona: „Hast du Papa lieb?“ – „Ja.“ „Und ihr seid ja auch immer zusammen im Schlafzimmer…“ Für sie ist die Sache klar. Sie wünscht sich eine Schwester, der sie die Windeln wechseln (darauf komme ich zurück, mein Schatz!) und etwas vorsingen möchte. Als ich vorsichtig gefragt habe, ob ein Brüderchen auch okay wäre, meinte sie ganz abgeklärt: „Ja ja, das kann man sich ja nicht aussuchen. Mann muss es nehmen wie’s kommt.“ Haha. Vor gerade mal 5 Jahren war sie das kleine Bauchbaby. Unfassbar, und alles ein großes, großes Wunder! P.S. Gebärmutter ist inzwischen etwa so groß wie eine Grapefruit [unschwanger wie eine Faust].“

FYI: Ich habe Kunst abgewählt 😉


…………………………………………………..to be continued………………………………………………………

Schwanger – der erste Monat

Das „Vorwort“:

Bevor man Eltern wird, weiß man ja grundsätzlich, wie das Bienchen-Blümchen-Dingens funktioniert. Man hat mal gelernt, dass es weibliche X- und männliche Y-Chromosomen gibt und, dass eine Frau „in der Regel“ (haha, das lass ich mal so stehen) ein Mal im Monat eine befruchtungsfähige Eizelle an den Start schickt. Ach, und man hat vielleicht auch schon mal etwas davon gehört, dass eine Schwangerschaft eigentlich nicht – wie im Volksmund üblich – 9, sondern 10 (Mond-)monate dauert. Soweit, so gut.
Beschäftigt man sich im Vorfeld einer Schwangerschaft genauer mit den Abläufen im eigenen Körper, begegnen einem plötzlich mysteriöse Kürzel wie ZT (Zyklustag), ES (Eisprung), MS (Mittelschmerz), LH (Luteinisierendes Hormon – zeigt den bevorstehenden Eisprung an), NMT (Nächster Menstruations-Termin), ZS (Zervixschleim), NFP (Natürliche Familien-Planung, sprich: Temperatur messen), VL (die gefürchtete Verdunstungslinie – auf einem Schwangerschaftstest, davon kann ich ein Lied singen), hCG (humanes Choriongonadotropin – das Schwangerschaftshormon) usw. Und als wäre das nicht genug, kommt dann der Frauenarzt, der an die freudige Nachricht „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger…“ gleich noch ein „…übrigens in der Sechsplusvier“ anhängt. Weil man in den meisten Fällen den genauen Zeitpunkt der Empfängnis nicht genau bestimmen kann, geht man bei der Berechnung der Schwangerschaftswochen vom Tag der letzten Regel aus. In einem Bilderbuchzyklus findet der Eisprung und damit die Befruchtung etwa 14 Tage später statt, man ist also schon 2 Wochen schwanger, in denen man davon erstens noch nicht mal etwas ahnt und zweitens, rein biologisch auch noch gar nicht schwanger ist. Am Ende kommt man dadurch auf eine Schwangerschaftsdauer von 40 Wochen, also 38 „echten“ und zwei geschenkten. Handelsübliche Schwangerschaftspipitests könnten etwa schon 10-12 Tage nach der Befruchtung das schwach-positive Ergebnis anzeigen. Wenn man also erfährt, dass man zu zweit unterwegs ist, ist man auf dem Papier etwa 3 Wochen und eine bestimmte Anzahl an Tagen schwanger, das entspricht der 4. Schwangerschaftswoche (3+4 = 4.SSW, 7+2 = 8.SSW usw) und damit auch dem Ende des 1. Monats. Das ging ja schnell…

Nach geschlagenen 19 Monaten, zahlreichen Arztbesuchen, der Diagnose Insulinresistenz und einer traurigen Erfahrung letzten Sommer achtet man jeden Monat ganz genau auf die Zeichen seines Körpers und entwickelt ganz besonders feine Antennen für dessen Signale. Und weil es süchtig macht, bestellt man sich die im Einzelhandel schweineteuren Schwangerschaftstests als 50er-Großpackung in der Billigversion für zu Hause. Auf Los geht’s los.

Der erste Monat:

Am Tag des Eisprungs (ES) notierte ich in meiner Zyklus-App: „Yay, es hat geklappt! Ich weiß es einfach.“ Was danach geschah, liest sich für mich inzwischen wie ein Krimi, bei dem man schon weiß, wie es ausgeht und trotzdem jedes Mal mitfiebert. Vom (zu) frühen Testen raten die meisten übrigens ab, weil auch eine befruchtete Eizelle noch mit der normalen Blutung abgehen kann, wenn bei der Zellteilung etwas schief gegangen ist oder die Einnistung nicht richtig funktioniert hat oder oder. Ich konnte es allerdings nicht lassen und wollte so früh wie möglich bescheid wissen…

ES+2: „Mir ist schlecht.“
ES+3: „Gestern Abend schlecht, heute Morgen schlecht. Und eine mikroskopische Menge hellrotes Blut. Hä?“
ES+5: „Gestern war Zumba und ich war soo k.o., fix und fertig schon nach 15 min, dass ich die Bewegungen kaum noch richtig ausführen konnte! Musste nach 40min schon gehen und dachte, ich schaffe es zu Hause die Treppe nicht hoch. Meine Mama: „Du hast so ein schmales Gesicht. Bist du schwanger?“ Oha!“
ES+6: „Gestern Abend schlecht, heute Morgen schlecht. Einbildung?“
ES+7: „1 Uhr nachts, ich will ins Bett gehen, aber es ist nicht zum Aushalten: meine ganze Haut J-U-C-K-T furchtbar. Überall. So einen Anfall hatte ich noch nie. Aaaaahhhh!“
ES+7, die Zweite: „Beim Einkaufen war eine ältere Frau vor mir am Kassenautomaten mit einem aufdringlichen Parfüm. Musste durch den Mund atmen. Uäh.“
ES+9: „Unglaublichen Appetit auf KÄSEKÄSEKÄSE. Am liebsten diesen stinkigen Bonbel in Scheiben, dazu Weintrauben. Mmhh. Habe heute getestet, könnte man da mit geschultem Auge einen Schatten erkennen? Zu wenig zum Fotografieren und erst nach ca. 20min. Hm.“
ES+10: Es ist 7 Uhr 52. Ich sitze am Frühstückstisch und muss immer wieder gucken gehen zu meinem Test. Erst kam nichts in endlos langen Minuten, dann ein kleines bisschen vielleicht, ähnlich wie gestern. Aber 2 Verdunstungslinien sind doch recht unwahrscheinlich oder? Gestern Abend wieder großes Jucken überall. Was ist das? Blöd: Brustwarzenhaut kann man nicht kratzen!
ES+11: „Ist da was oder ist da nix? Ich kann gar nicht denken vor Überforderung. Gut, dass ich heute lange und viel arbeiten muss. Ich geh am Stock! Müsste der Strich – wenn ja – nicht schon viel sichtbarer sein nach 2 Tagen? Nach meinen Brüsten zu urteilen, muss ich übrigens schwanger sein. Die tun soo weh, das kenne ich gar nicht, wie 2 große blaue Flecken!“
ES+11, 21.45 Uhr: „OH MEIN GOTT! ICH BIN TATSÄCHLICH SCHWANGER!!! Habe heute außerplanmäßig einen Frühtest für 7,00€ (autsch!) gekauft und ihn abends noch gemacht. Neugierig, ob ein zartes Strichlein vielleicht auch auf einem Test einer anderen Marke zu sehen ist. Und dann die große Überraschung: nach wenigen Sekunden ein ausgewachsener zweiter Strich im Ergebnisfenster! Nicht eingebildet und nicht nur im richtigen Licht, sondern ganz real und gut sichtbar. Scheißescheißescheiße, das gibt’s nicht! Ich bin schwaaaaaaaaaaaaaaaaaanger. YES!“

…to be continued…

Mamasünden…?

Von Herzmutter Janina wurde ich nach Überlebensstrategien verzweifelter Eltern gefragt und Mama- und Papa-Sünden, die man so begeht im Zusammenleben mit kleinen Menschen. Meistens ist es ja so, dass man eine ganz konkrete Vorstellung von Erziehung und Regeln hat. Bevor man Eltern wird…
Hier sind sie also, meine Top20-„Überlebensstrategien“:

#1 Im Sommer sind 3 Eis am Tag ok.
#2 Unser iPad verfügt über genau eine Mama-App (Pinterest), aber unzählige Kinder-Lern-Apps und Filme. Ideale Beschäftigung in Maßen für lange Autofahrten, Flugreisen oder Restaurantbesuche und dazu pädagogisch-wertvoll: Buchstaben lernen und mit dem Finger nachfahren, Fledermäuse zählen mit Drache Kokosnuss, englische Spiele mit Micky Maus. Kopfhörer dazu sind Gold wert, ansonsten verfolgt einen die Titelmelodie von Pettersson & Findus bis in den Schlaf…
#3 Barfuß durch den Garten laufen, im Matsch nach Schätzen graben, bei Regen raus gehen oder den ganzen Körper im Sand einbuddeln? Nur zu, Schatz, du bist zu 100% waschbar.
#4 Das Kind musste noch nie nach dem Sandmann ins Bett, sondern bleibt so lange wach, bis es (fast) von alleine umfällt. Es lebt sich entspannter.
#5 Dino-Stullen mit Marmelade kann man auch schon mal im Kinderzimmer essen. Man sollte nicht meinen, was rein geht, wenn die Mahlzeit nicht am Tisch stattfinden muss.
#6 Mütterliche Wenn-Dann-Konstruktionen sind völlig legitim, ein bisschen Erpressung gehört dazu („Wenn du jetzt ohne Meckern ins Bad kommst, darfst du zum Einschlafen ein Hörspiel hören.“)
#7 Ein Kind möchte da sein, wo die Familie ist. Spielzeug im Wohnzimmer gehört dazu und ist ein ganz natürlicher Vorgang, wenn auch ein schleichender.
#8 Die Bildschirmhelligkeit am iPhone ist eine sehr nützliche Funktion, wenn man ab und zu abends am Bett sitzen und „noch ein bisschen streicheln“ soll.
#9 Sechzig Cent für das Reitpferd bei C&A und Mama kann ganz in Ruhe Klamotten shoppen.
#10 Ist das Kind (nicht ansteckend) krank zu Hause, darf es mit Mama mit in die Schule kommen und den 2x 30 min Unterricht bei den Großen lauschen. Ggf. siehe #2.
#11 Die Toilette ist ein geeigneter Rückzugsort, um mal in Ruhe latest news in sozialen Netzwerken zu lesen.
#12 Der Fernseher ist nicht böse und Augen werden davon nicht viereckig.
#13 Bunte Pflaster mit Winnie Pooh und leere Sprühflaschen mit Anti-Monster-Aufschrift haben einen nicht zu unterschätzenden Heilungswert auf die Psyche.
#14 Nikolaus, Osterhasen und Weihnachtsmann gibt es solange, bis das Gegenteil bewiesen wurde!
#15 Im Spielwarengeschäft kaufe ich manchmal Kinderspiele, die ich selber so gerne spielen möchte und argumentiere solange, bis das Kind auch davon überzeugt ist.
#16 Vielleicht keine Sünde, aber eine Überlebensstrategie: ich erkläre meiner Tochter, weshalb ich wie entschieden habe und beziehe sie – wenn möglich – in den Prozess mit ein. Allerdings ist dann auch klar: ein entschiedenes „NEIN“ heißt auch wirklich nein. Kinder sind nicht dümmer als wir, nur kleiner und unerfahrener. Hat allerdings absolut nichts mit antiautoritärer Erziehung zu tun.
#17 Ich höre mir ihre Argumente im Streit an und nehme sie ernst. Das gibt Selbstvertrauen.
#18 Wenn es der Mama gut geht, geht es auch dem Kind gut. Also ruhig auch mal Zumba tanzen statt Wäsche waschen. Die läuft ja nicht weg.
#19 Hilfe zur Selbsthilfe: ich bastele, esse „Sandeis“, lese vor, spiele Ball und mache mit ihr Musik. Aber manchmal darf man auch einfach sagen: „Mal doch mal alleine ein Bild für mich“ oder „Bau mal einen groooßen Lego-Park und zeig ihn mir, wenn du fertig bist…“.
#20 Die eigenen Mütter sind mit keinem Geld der Welt zu bezahlen! Omas sind eine ganz besondere Spezies, forschen mit Lupe, Naturlexikon und einer Engelsgeduld nach exotischen Käfern, bauen Ameisenfallen und Insekten-Ansaug-Rohre und machen Pudding, Milchreis oder Eierkuchen, wann immer das große (ich) oder das kleine Kind (Fiona) krähen. Danke!

Ein abschließendes Statement für alle Neu-Eltern? Verabschiedet euch beizeiten von zu konkreten Vorstellungen, was das (selbstständige) kindliche Schlaf-, Ess- und Spielverhalten angeht und das Zusammenleben wird für alle Beteiligten stressfreier. Wer schreibt euch vor, dass ein Säugling, den Mama 10 Monate wiegend unter ihrem Herzen getragen hat, sofort allein im eigenen Bett schlafen können muss? Wer entscheidet, wann ein Kleinkind krabbelt und wie viele Wörter es mit 1 Jahr spricht? Jedes Kind ist anders und hat sein ganz individuelles Tempo. Fiona hat mit 2 Jahren schon einen unglaublichen Wortschatz gehabt, hatte allerdings Windeln an, bis sie fast 3 war. Who cares?

„Dinge, die man als Kind geliebt hat, bleiben im Besitz des Herzens bis ins hohe Alter.
Das Schönste im Leben ist, dass unsere Seelen nicht aufhören, 
an jenen Orten zu verweilen, wo wir einmal glücklich waren.“ 
(Khalil Gibran)

MAMA

Dieser Blogpost ist einem ganz besonderen Geburtstagskind gewidmet: meiner Mama, die hier zwar selten kommentiert, aber jede einzelne Zeile gelesen hat, die ich je geschrieben habe.

Es gibt im Internet diesen wunderschönen Text namens „Bevor ich Mama wurde“ mit all den Dingen, über die man sich erst Gedanken macht, wenn man eine ist, z.B. über die Vor- und Nachteile des Impfens, über Apfelsinen in der Stillzeit (wunder Po!), über die Trinkmenge eines Säuglings, die Farbe des Windelinhaltes und darüber, ob die eigenen Pflanzen giftig sind (ok, ich schaffe es immer, meine auszurotten, bevor ich das rausgefunden habe). Aber das Baby verändert nicht nur die Frau, wenn sie Mutter wird, sondern es greift sogar noch eine Generation zurück, denn auch die Wertschätzung für die eigene Mama nimmt ungeahnte Dimensionen an.
Ihr kennt das vielleicht: plötzlich läuft in deinem Kopf ein Film ab, er wird in schnellen Bildern von der Erwachsenenwelt über die Pubertät bis in die frühe Kindheit zurückgespult und du siehst dich selbst mit hohem Fieber im Bett deines Kinderzimmers, zitternd die Lieblingskuscheltiere an dich gedrückt. Und dann siehst du, wer da am Fußende deines Bettes sitzt und trotz deiner Proteste ausdauernd kalte Tücher um deine Waden wickelt: Mama.

Nächster Stopp: du sitzt wacklig auf dem Sattel, hältst den Lenker mit beiden Händen fest und fängst langsam und vorsichtig an zu treten. Nach den Gesetzen der Schwerkraft müsstest du längst unten liegen aber das tust du nicht, denn sie läuft unnatürlich gekrümmt die ganze Zeit hinter dir her und hält dein Rad am Gepäckträger in der Senkrechten: Mama.
Fast forward: Du kannst nachts nicht mehr einschlafen und findest plötzlich alles in deinem Zimmer unheimlich. Sie rutscht im Halbschlaf rüber und lässt dich in ihrem Bett schlafen, auch wenn du alle Kuscheltiere mitgebracht hast, weil die alleine sonst Angst haben: Mama.
Play: du schaukelst im Garten bis in den Himmel, glaubst, du kannst fliegen. Eine Freundin läuft am Gartentor vorbei, du lässt los und winkst. Jede salzige Träne küsst sie weg, klopft dir den Sand und die Steinchen von den Handflächen und findet die richtigen Worte, damit du die Hoffnung nicht aufgibst, eines Tages wirklich ein bisschen fliegen zu können: Mama.
Stopp:  Du sitzt mit deinem nagelneuen Rucksack auf der Bank zwischen den ganzen Kindern, dein Name wird aufgerufen und ihr sollt mit der Lehrerin in euer Klassenzimmer gehen. Du lächelst tapfer und willst eigentlich am liebsten umdrehen, aber sie winkt dir aufmunternd zu und lässt dich ihre Träne nicht sehen: Mama.
Fast forward: Du hast Unterrichtsschluss und wohnst nur 800m von der Schule entfernt. Trotzdem siehst du jeden Tag zur gleichen Zeit ein Auto zwischen den Bäumen hinterm Zaun, in dem sie auf dich wartet: Mama.
Play: du fährst mit deinen Freunden ein Fahrradwettrennen über einen Huckelweg und bemerkst den großen Stein nicht rechtzeitig. Sie versichert dir glaubhaft, dass du auch mit fehlender Ecke am Schneidezahn noch der schönste Mensch auf der Welt bist: Mama.
Stopp: Schulaufführung. Du bist das Schneewittchen und wirst nach Essen des vergifteten Apfels nicht ganz originalgetreu aber zweckmäßig in einer Schubkarre abtransportiert. Eigentlich bist du tot, aber du öffnest deine Augen einen winzigen Spalt und siehst, wer auf einem viel zu kleinen Stuhl stolz in der allerersten Reihe sitzt: Mama.
Play: Du fühlst dich am Gymnasium ungerecht behandelt, weil der Lehrer doof ist. Selbst, wenn die Bewertung zu 60% an deinem sportlichen Unvermögen liegt, kämpft sie wie ein Löwe: Mama.
Pause: Abitur. Du weißt nicht, ob du wirklich Ärztin werden willst, wie du es seit frühester Kindheit vorgehabt hast, oder ob du doch lieber dein Hobby, die Musik, zum Beruf machen solltest. Ein Mensch auf der Welt kennt die richtige Antwort, nämlich, dass du auf dein Herz hören musst: Mama.

Und wenn ich diesen, meinen Film starten möchte, brauche ich nur an unseren Gewürzschrank gehen und einen tiefen Zug nehmen. Dann sitze ich als kleines Mädchen in der Wanne im Thymian-Erkältungsbad und kurz darauf kommst du wieder mit den Wadenwickeln…

Ich habe beim Schreiben geweint und gelacht, Erinnerungen aus längst vergessen geglaubten Schubladen ausgegraben und in meiner Kindheit wie in einem alten, sehr wertvollen Buch geblättert. 
Am Ende bleibt mir eigentlich nur Eines zu sagen:  
DANKE und Happy Birthday, Mama!

….and many, many happy returns! 

Dez. 2010