Die dritte Geburt

Ich würde sie als Traumgeburt bezeichnen, obwohl (oder gerade weil?) alles sehr schnell und unkompliziert über die Bühne ging. Im Vorfeld habe ich statt eines Geburtsvorbereitungskurses diverse Bücher zum Thema Hypnobirthing und selbstbestimmte Geburt gelesen. Die haben mir zwar absolut keine schmerzfreie Geburt verschafft, aber zu mehr Gelassenheit und Vorfreude auf jede Wehe (Welle) geführt. Die Atemtechniken waren mir unter der „echten“ Geburt herzlich egal, aber bei den harmloseren Wehen haben sie gut geholfen. Und so ist sie letztendlich abgelaufen: Klappe, die dritte.

Schwangerschaftstagebuch, 27.07.18, ET minus 2

„So, liebes Baby, heute ist der 27.7., ein schöner Geburtstag, findest du nicht? Und heute Abend totale Mondfinsternis! Es heißt ja, bei Vollmond und/oder besonderen Mondereignissen rennen die Frauen den Kreißsälen die Türen ein. Scheint dich allerdings herzlich wenig zu beeindrucken. Nicht mal nen harten Bauch machst du! Ich hatte mich so gefreut, als mir in der Nacht schlecht war und ich nicht schlafen konnte. Aber jetzt? Nix. Ich möchte nicht mehr, echt nicht. Es ist ein unglaublich heißer Sommer in Berlin mit 36 Grad und mehr. Alles ist warm, eng, schwitzig, eklig, dick und iihh. Komm jetzt endlich raus! Vor lauter Langeweile bestelle ich ständig Babystuff bei amaz*n. Das geht so nicht. Hopp hopp jetzt!“

Schwangerschaftstagebuch, 28.07.18, ET minus 1

„Du hast uns noch in aller Ruhe das Richtfest bei meinen Eltern feiern lassen, bei tropischen 34 Grad. Smalltalk mit den Nachbarn bei alkoholfreiem Radler: „Wann ist es denn soweit?“ – „Öh, morgen eigentlich…“ Der Bauch wird oft (harmlos) hart, aber mit echten Wehen hat das noch nicht viel zu tun. Allerdings kam beim Laufen heute sowas wie Ischias-Schmerz dazu (Nachtigall, ick hör dir trapsen…beim ersten Kind hatte ich ja keine Wehen. Nur diese schrecklichen Rückenschmerzen, wegen derer ich mich hinknien und atmen musste, hahaha) und eine winzige Zeichnungsblutung. Oha! Exakt so ging es die letzten beiden Male los. Du wirst doch wohl keine Punktlandung werden? Die totale Mondfinsternis gestern hat dich übrigens nur peripher tangiert. Wir haben alles verschlafen…“

Schwangerschaftstagebuch, 29.07.18, 08:27 Uhr, ET

„Nachdem ich gestern Abend vorsichtshalber keinen Döner mehr gegessen habe (manno!) und nicht mehr aus dem Haus gegangen bin, stattdessen einen „Survival-Übernachtungsrucksack“ für die beiden Großen gepackt habe, ist WAS passiert? Genau, die harmlosen Wehen ließen nach und wir haben so gut geschlafen wie lange nicht. Die Wehen sind – wenn sie denn kommen – intensiver als in den letzten Tagen, aber mit +- alle 20min kommen wir nicht weiter, Baby. Ab heute müssen wir alle 2 Tage ins Krankenhaus zur Kontrolle. Dass ich einen offiziellen ET mal erleben würde, hätte ich ja auch nicht gedacht. Aus gegebenem Anlass: ich habe in einem Hebammenforum (ja, man googelt auch beim 3. Mal noch, wie sich echte Wehen anfühlen, haha) gelesen, dass Wehenstärke sich in 3 Stufen einteilen lässt.

Folgende Situation: du bügelst und dein Mann guckt Fußball.

Stufe 1: Du sagst deinem Mann, dass du eine Wehe hast, bügelst aber unbeeindruckt weiter. (= Senk- oder Übungswehen)

Stufe 2: Du sagst deinem Mann, dass du eine Wehe hast, konzentrierst dich und hörst kurz auf zu bügeln. (= starke Senk- oder Übungswehen)

Stufe 3: Du sagst deinem Mann, dass du eine Wehe hast, schließt die Augen, atmest und schaltest das Bügeleisen aus. (= Eröffnungswehen, ab ins KH!)

Heute und gestern Abend war ab und zu Stufe 2, würde ich sagen. Na immerhin!“

Das sollte tatsächlich der letzte Eintrag gewesen sein…

[RÜCKBLICK]

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…dass ich das mal erleben würde: ein Kind, das am Entbindungstermin noch im Bauch ist und wenig bis keine Anstalten macht, an diesem Zustand etwas zu ändern 🙄 Das Warten macht mich mürbe; die Temperaturen draußen sind für einen hochschwangereren Kreislauf einfach nur tödlich und inzwischen ist mir auch egal, dass der Kreißsaal unserer Geburtsklinik nicht klimatisiert ist. Hauptsache, dieses Baby macht sich endlich auf den Weg zu uns. So gerne ich schwanger bin – jetzt, mit dem Beginn der 41.Schwangerschaftswoche, möchte ich ganz offiziell nicht mehr. #mimimi #schwanger #entbindungstermin #duedate #schwangerschaft #julibaby #schwanger2018 #bauchbild #pregnantbelly #bellyupdate #julibaby2018 #schwangerschaft #pregnancy #40weekspregnant

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Nachdem ich am Morgen den letzten Tagebucheintrag geschrieben hatte, nähte ich noch fix ein Sommermützchen für das Baby einer Nachbarin. Nähen mit Wehen, irgendwann lass ich mir das patentieren. Der Plan sah vor, die Kinder nach dem Mittagessen zu meinen Eltern zu bringen und dann zum geplanten Kontroll-CTG ins Krankenhaus zu fahren. Ich überlegte noch, ob ich den am Vorabend nicht gegessenen Döner nachholen sollte, entschied mich dann aber (glücklicherweise!) dagegen, weil die Kinder keine Dönerfans sind und die größte Schwester sich Königsberger Klopse gewünscht hatte. [Zu meiner Verteidigung muss ich erwähnen, dass der Döner, von dem hier ständig die Rede ist, nach McFlurry in der ersten und Dosenpfirsich in der zweiten nun das Essensgelüst meiner 3. Schwangerschaft war!]

Gegen 12 Uhr begann ich zu kochen und wechselte dabei ständig zwischen der Chefkoch-App und dem Wehen-Tracker hin und her:

11:56, 12:05, 12:18, 12:27, 12:31, 12:45.

Noch gut auszuhalten, aber intensiver. 12:30 Uhr war das Essen fertig. Trotz ursprünglich großen Hungers (Ich zu meinem Mann: „Mach 2 Beutel Reis, ich hab Hunger!“) schaffte ich nur eine Kinderportion und musste während des Essens schon regelmäßig Pausen einlegen, weil der harte Bauch mich nicht mehr kleckerfrei zu meinem Teller vorbeugen ließ. Plötzlich konnte ich kaum erwarten, dass die Familie auch endlich aufgegessen hatte. Nanu, wo kam diese innere Unruhe auf ein Mal her…?

Nach dem Essen stand ich auf mit den Worten: „Kinder, Schuhe an, geht los!“

Mein völlig überrumpelter Mann wagte noch, ein Veto einzulegen: „Hä? Trinken wir keinen Kaffee mehr? Außerdem muss ich noch meine Haare föhnen und die Küche aufräumen!“

Ich erwiderte knapp: „Haare föhnen ja, alles andere nein. Ich will JETZT gehen.“

Wer schon eine Geburt erlebt hat, kann sich vielleicht an dieses Gefühl erinnern: während einer Wehe wäre man gerne augenblicklich im Krankenhaus, lässt die Wehe nach, hat man noch alle Zeit der Welt. Als angehender Dreifachpapa hatte er auf jeden Fall eines gelernt: Hochschwangeren besser nicht widersprechen, haha.

Wir brachten die Kinder zu meinen Eltern, die bis dato noch davon ausgegangen waren, dass wir nur zur angekündigten Kontrolle ins Krankenhaus fahren würden. 13:10 Uhr steckte ich der Nachbarin noch das genähte Baby-Mützchen in den Briefkasten und informierte sie darüber per Whatsapp. Kurz nach halb 2 kamen wir im Krankenhaus an, im Auto veratmete ich nur eine oder zwei Stufe-2-Wehen und lief völlig problemlos und ohne Atem-Pausen vom Parkplatz bis zum Kreißsaal. Eine andere Schwangere stand ebenfalls wartend und mit Mutterpass in der Hand vor der Kreißsaaltür und es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis uns nach dem Klingeln die große Tür geöffnet wurde. Den Kopf heraus streckte eine Hebamme, die auch gerade einem Märchenfilm entsprungen hätte sein können. Walpurga guckte mich fragend an, während ich erklärte, Drittgebärende mit einigermaßen regelmäßigen Wehen zu sein und heute eh Entbindungstermin zu haben. Sie rollte mit den Augen (ich schwöre!) und sagte:

„Wir haben gerade alle Hände voll zu tun, nehmen Se erst mal im Wartezimmer draußen Platz. Für ne Entbindung seh’n Sie mir noch zu freundlich aus! Aber wenn die Presswehen einsetzen, klingeln Se noch mal am Kreißsaal, hahaha.“

Bumms, Tür zu. Wenn die da schon gewusst hätte, dass sie mit ihrem „Witz“ so falsch nicht gelegen hat!

Im Wartezimmer veratmete ich noch eine Wehe, scherzte mit meinem Mann über die Hebammenhexe und wurde anschließend in ein sog. Vorwehen-Zimmer ans CTG gehangen. Walpurga untersuchte mich etwas unsanft und stellte fest, dass der Muttermund erst bei 2-3cm und der Gebärmutterhals noch nicht komplett verstrichen sei. Wäre ich Erstgebärende, würde sie mich auf jeden Fall noch mal nach Hause schicken. Stattdessen überlegte sie laut, ob wir ggf. in 2 Stunden wiederkommen könnten, beschloss aber glücklicherweise, erst mal provisorisch ein CTG zu schreiben.

Es war immer meine „größte Angst“, ins Krankenhaus zu fahren und wegen falschen Alarms wieder nach Hause geschickt zu werden. Bei den ersten beiden war das nicht der Fall und sie waren jeweils 3 Stunden nach der Ankunft in der Klinik auf der Welt. Sollte mich mein Instinkt bei der dritten Geburt tatsächlich so getäuscht haben?!

13.45 Uhr: Kabel und Schallknöpfe ran, Tür zu. Da saßen bzw. lagen wir nun im Vorwehen-Zimmer und lauschten dem gleichmäßigen Traben des kindlichen Herzens in meinem Bauch. Nur wenige Minuten später wurden die Wehen schlagartig stärker. Ich hielt die Hände schon vor’s Gesicht, pustete so vor mich hin und das CTG-Blatt flatterte in meinem Wind. Eine andere, sehr junge Hebamme kam kurz nach 2 rein und stellte sich vor, Walpurga hatte scheinbar Feierabend. Ich hatte gerade eine Wehe und konnte ihr gar nicht richtig zuhören, was sie bemerkte und nur meinte: „Sagen Sie einfach: Lassen Sie mich in Ruhe, ich muss atmen!“. Sie schwebte wieder aus dem Raum, ich atmete weiter und Punkt 14.15 Uhr wurde es nass auf der Liege. BLASENSPRUNG! Mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es bei der letzten Geburt nach dem Blasensprung sehr, sehr schnell ging bis die Presswehen einsetzten, rief ich ein bisschen panisch und ohne Luft zu holen: „HolDieHebammeHolDieHebammeHolDieHebamme!“. Sie kam, untersuchte mich erneut – Muttermund bei 5cm – und sagte, es sei gerade in dem Moment ein Kreißsaal frei geworden, in den wir jetzt rübergehen würden. Ich schaffte mit unterwegs stehen bleiben und atmen gerade so den Weg in den direkt benachbarten Kreißsaal und blieb am Bett stehen. Die letzten beiden Kinder hatte ich unfreiwillig ohne Schmerzmittel geboren: bei der ersten war es für eine PDA zu spät, als es anfing, so weh zu tun, dass ich sie wollte und bei der zweiten bestellte ich das angepriesene Lachgas, war aber unter den Presswehen nicht mehr in der Lage, die Maske selber vor’s Gesicht zu halten, als die Schwester endlich mit dem Gerät ankam. Das war nun also mein Moment: „Ich hätte gerne Lachgas.“ – „Öhm, da gibt es ein Problem.“ Mein Running Gag! Das Gerät sei gerade in einem anderen Kreißsaal im Einsatz und sie hätten nur eines… Ach komm, auch egal jetzt!

Die Hebamme meinte, ich solle ruhig ein bisschen stehen bleiben oder rumlaufen, das täte vielen Schwangeren gut in diesem Stadium. Und wie ich noch so neben dem Bett stand, kam genau in dem Moment die erste Presswehe! Ich habe gedacht, ich schaffe es nicht mehr auf’s Kreißbett zur Entbindung! Mit Hilfe kletterte ich in der Wehenpause auf das Bett in den Vierfüßlerstand, hielt mich oben am Rand fest und biss bei der nächsten Wehe in das Stillkissen. Dieses Kind sollte einfach nur noch raus jetzt. Mir egal, ob der Muttermund schon soweit war und das CTG erst wieder an mir befestigt werden sollte. Lasst mich alle in Ruhe, ich will nicht mehr! Von hinter dem Bett hörte ich die Hebamme sagen: „Das mit dem Lachgas hätten wir jetzt eh nicht mehr geschafft..“ Und 2 Presswehen später, um 14.30 Uhr, erblickte unsere dritte Tochter das Licht der Welt. Ein Wunder, einfach nur ein Wunder, denn ein Kind füllt einen Platz in deinem Herzen, von dem du nicht wusstest, dass er leer war:

❤ Lucia Mayra Leona ❤

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 3fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

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