Zimmer im Kopf

Fiona ist 7 Jahre alt und geht in die 2. Klasse.

Sie war schon seit frühester Kindheit ein sehr wissbegieriges Kind, wollte immer schon die Welt erklärt bekommen, interessierte sich für alles um sie herum, machte gerne kleine Experimente und entwickelte sich in den letzten Jahren zum absoluten Spezialisten auf dem Gebiet ihrer Lieblingstiere: Quallen. (Ja, so habe ich anfangs auch geguckt, als sich mir die anmutige Schönheit dieser Spezies noch nicht so recht erschließen wollte, haha). Sie wurde mit 5 eingeschult, vier Wochen bevor sie 6 geworden ist. Wir hätten sie zurückstellen lassen können, haben uns aber bewusst für das frühe Einschulen entschieden. Es war einfach zu merken, besonders deutlich in den letzten Monaten vor Schulbeginn, dass sie bereit war. Dass sie das zusätzliche Jahr Kita sehr wahrscheinlich nicht als „noch ein Jahr unbeschwert Kind bleiben“ empfunden hätte.

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Sie schrieb unermüdlich Buchstaben und Zahlen, wollte lernen wie man rechnet und fing im Sommerurlaub plötzlich an zu lesen. Nachdem sie zu Ostern ihre Schulmappe bekommen hatte, musste ich regelmäßig mit ihr Schule spielen. Dann kam sie mit Ranzen auf dem Rücken ins Wohnzimmer stolziert, machte sich über meine ausgedruckten Arbeitsblätter her, schrieb und malte, was das Zeug hielt, und wartete auf die „Pausenklingel“ meines Handys, damit sie endlich ihre Brotbüchse plündern konnte. Ich würde hier gar nicht pauschal sagen, Einschulung mit 5 ist gut oder Einschulung mit 5 ist schlecht. Eltern kennen ihre Kinder am besten und können demzufolge auch am besten einschätzen, ob ihr Kind sich im zusätzlichen Kitajahr langweilt oder ob es das unbeschwerte Spielen noch länger genießen möchte. Wie bei so vielen Entscheidungen gilt auch hier, oder hier ganz besonders: hört auf euer Bauchgefühl.

Sie hatte einen durchweg guten Start in der ersten Klasse: eine engagierte und vor allem liebevolle Lehrerin (bei der ich selbst vor 20 Jahren schon Unterricht hatte), tolle Klassenkameraden, viele Freunde und Spaß am Lernen („Schon eine Woche Schule und wir haben noch keine Hausaufgaben aufbekommen! Das finde ich nicht in Ordnung!“). Sie kam mit den Unterrichtsinhalten gut mit und zeigte mir täglich stolz ihre Hefte. Nur das frühe Aufstehen war ihr nach der ersten Schulwoche schon über…

Eine Träumerin?

Im Entwicklungsgespräch zu Beginn des zweiten Schuljahres erwähnte die Klassenleiterin, dass Fiona mit dem Stoff zwar super mitkäme, aber manchmal noch sehr verträumt und langsam sei (eine „Folge“ des frühen Einschulens? Möglich. Wir würden es dennoch wieder so machen). Zum Beispiel montags, wo sie regelmäßig nach dem Sportunterricht zu spät zur nächsten Unterrichtsstunde kommt, weil das Umziehen eben etwas länger dauert. Oder der Deutschtest: schreibt die schwersten Wörter fehlerfrei, kann eigentlich alles perfekt und liest dann die Aufgabenstellung nicht richtig bei „Benutze unbestimmte Artikel: ein, eine“ und setzt stattdessen „der die das“ ein. Oder Mathe: sie rechnet 10 Aufgaben des gleichen Typs ohne Fehler und bei der 11. schreibt sie plötzlich die Zahlen falschrum, also 63 für sechsunddreißig (was für ein blödes System auch, dass die Deutschen ihre Zahlen von hinten nach vorne sprechen. Ist euch das mal aufgefallen? Spanien, Frankreich, England, etc. sagen z.B. thirtysix, also „richtig rum“, hmpf!). Wenn ich sie frage, was bei dieser Aufgabe anders war, sagt sie manchmal Sachen wie:

„Weißt du, Mama, mein Kopf hat plötzlich mitten im Test an die gepunktete Wurzelmundqualle gedacht und ich habe mich gefragt, ob es die vielleicht auch in der Nordsee gibt…“.

Kreativität – ein neues Schulfach?

Ziemlich bald wurde mir klar: Fiona ist nur bedingt für dieses Schulsystem geeignet. Ich gehöre gewiss nicht zu den Übereltern, die meinen, kleine Mozarts oder Einsteins geboren zu haben und auf die Diagnose „Hochbegabung“ spekulieren. Ich bin selber Pädagogin. Aber ein Kind, das sich in andere Welten träumt, dabei vor sich hin philosophiert und über wichtige Fragen des Lebens sinniert, „kollidiert“ zwangsläufig irgendwann mit dem Lehrplan, der für die aktuelle Stunde eben nicht Meeresforschung, sondern Rechnen vorgesehen hat. Grundsätzlich ist daran ja gar nichts Falsches, irgendein System muss es ja geben und Lehrer können nicht jede Stunde darauf eingehen, was die jüngeren Schüler gerade beschäftigt. Aber ich finde, Kreativität sollte ein eigenes Schulfach sein! „Creativity is intelligence having fun“ – Ideen sammeln, sie weiterentwickeln, ausprobieren, experimentieren, Materialien kennenlernen, forschen. Nicht nur nach „Schema F“ abarbeiten, sondern selber denken, umdenken, neu denken. Das sind doch die gefragten Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt. Warum wird das dann nicht gelehrt?

Ja, als „Kreativfächer“ gibt es Musik und Kunst. Aber mal ehrlich: was wird denn gemeinhin mehr belächelt, als diese „Sekundärfächer“? Wie oft schon habe ich gehört, dass Musik gar von Fachfremden unterrichtet wird, die keine einzige Note kennen? „Ist ja nur Grundschule, ein bisschen singen kann doch jeder“. What?!

Fiona macht selber Musik seit sie 4 ist und spielt ganz allein (!) eine zweite oder dritte Stimme, also eine rhythmisch und melodisch komplett andere Melodie als die anderen Spieler. Was attestiert ihr die Musiklehrerin der Schule auf dem Zeugnis? Bei „Rhythmusgefühl“ 3 von 4 Punkten, haha. Als ich Fiona darauf ansprach, meinte die nur trocken:

„Ach weißt du, Mama, Musik ist total langweilig. Frau XY macht jede Stunde irgendein Lied an und wir sollen einfach mitsingen. Wir machen nie was mit richtigen Instrumenten oder so. Das macht mir keinen Spaß, deswegen mache ich da auch nicht so richtig mit.“

In Kunst sollten sie den Struwwelpeter malen, mit langen Haaren, riesigen Fingernägeln, usw. Fionas sah zum Fürchten aus und hatte schwarze Striche auf der Haut („weil er doch so dreckig ist!“). Die Lehrerin hatte aber gefordert, kein Schwarz zu benutzen und war deshalb mit Fionas Bild nicht zufrieden. Vielleicht findet ihr das kleinkariert, aber wie soll sich Kreativität entwickeln, wenn nicht durch die (freie!) Umsetzung der eigenen Vorstellungen zum vorgegebenen Thema? Wer sagt denn, dass der Struwwelpeter nicht Dreck auf der Haut hatte, weil er sich nie gewaschen hat? Ich habe sie für ihr Bild gelobt und auch hervorgehoben, wie gut ich ihre Idee finde mit den schwarzen Dreckstrichen. Ganz egal, was die Lehrerin davon hält.

Wenn man Kinder lässt, entwickeln sie oft ganz ohne Hilfe die erstaunlichsten Ideen, von denen wir Erwachsenen uns noch eine Scheibe abschneiden könnten. Letztes Frühjahr bastelte ich z.B. eine Karte zur Hochzeit und schnitt aus (teurem) selbstklebendem Glitzermoosgummi die Form eines Hochzeitskleides aus. Freihand. Die Taillie ist viel zu schmal geworden und das Moosgummikleid sah aus, als könnte es Barbie passen, landete also im Müll. Als Fiona ins Arbeitszimmer kam und das gute verschnittene Glitzerzeug im Papierkorb sah, fragte sie, ob sie das haben könne. Als sie kurze Zeit darauf mit ihrem Bild fertig war, kam ich aus dem Staunen nicht heraus: aus dem zu knappen Brautkleid war kurzerhand verkehrtherum ein Meerjungfrauenschwanz geworden! Erstaunliche Idee, oder? Ganz große Liebe!

 

Aber auch wenn ich sie für das kreativste Kind der Welt halte, stellte sich mir die Frage: wie kriegen wir es trotzdem hin, dass sie konzentriert bei der Sache ist, aber dennoch ihre Kreativität nicht vom starren Schulsystem abtrainiert bekommt?

Die Lösung ist so einfach wie genial

Zimmer im Kopf!

Wie bitte?! Ja, ihr habt richtig gelesen. Fiona selber hatte ein paar Wochen vor Weihnachten die Idee, als ich vorsichtig mit ihr über das „Problem“ gesprochen habe.

„Mama, wie wär’s denn, wenn ich mir für jedes Unterrichtsfach ein eigenes Zimmer in meinem Kopf einrichte? In meiner Fantasie? In dem Zimmer sieht dann alles so aus, wie ich es mir vorstelle, also bei Mathe sind da ganz viele Zahlen und Lineale und Plus und Minus. Und bei Deutsch sind alle Buchstaben drin! In Kunst stelle ich mir Stifte, Pinsel, Tuschkasten und Blätter vor und die Wände sind ganz bunt in Regenbogenfarben. Und in jedem Zimmer steht natürlich ein Schreibtisch! Und die Pokémons und Quallen und so sind in einem Extrazimmer, in das kann ich dann am Nachmittag reingehen, wenn die Schule vorbei ist. Ein Anziehzimmer richte ich mir auch noch ein, dann klappt das nach dem Sport bestimmt auch schneller!“

Ja, und was soll ich sagen: es funktioniert!

Ab und zu sprechen wir über die Zimmer: ich frage konkret nach, ob sie mir erzählen will, wie es in den einzelnen Zimmern aussieht, in welchen Zimmern sie tagsüber so war, ob es auch in einem vielleicht ganz unordentlich ist und wir mal aufräumen müssen (haha) und so erzählt sie auch von sich aus mehr als nur das obligatorische: „gut“ auf die Frage, wie es heute in der Schule war.

Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass sie sich durch die „Zimmer“ besser fokussieren kann, ihre Energien besser bündelt und die Bewertungen der letzten Wochen ihren Fähigkeiten entsprechen und sich nicht mehr so viele kleine Flüchtigkeits- oder Konzentrationsfehler einschleichen. Wenn sie merkt, dass ihre Gedanken sich „selbstständig“ machen, kann sie mental in das Zimmer gehen, das ihr hilft, bei der Sache zu bleiben. Und wenn irgendetwas kreativ ist, dann doch genau DIESE Idee, oder?

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Bildquellenangabe: Eileen Naumann/ pixelio.de

Kennt ihr solche oder ähnliche Situationen bzw. Probleme von euren Schulkindern auch?

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

15 Kommentare zu „Zimmer im Kopf“

  1. Ich finde das so beeindruckend, wie kreativ sie in ihrer Lösungsfindung ist! Wir hatten gestern ja schon darüber geredet, gerade für solche kreativen Köpfe ist unser Schulsystem sehr einengend und diese Eine-Lösung-Politik ist absolut realitätsfern. Ich wäre auf jeden Fall auch für mehr Kreativität bzw. ein eigenständiges Fach dafür an unseren Schulen – auch mit dem Hinblick, dass ich in ein paar Jahren auch Kinder haben werde und diese irgendwann schulpflichtig werden.

    Liebe Grüße
    Anne

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  2. Vielen lieben Dank an diesen tollen Beitrag! Und danke mal an Fiona, für diese geniale Idee. Ich werde sie mal mit dem Löwenjungen versuchen. Mir geht es nämlich so ähnlich!!!! Er ist mir ziemlich genau 6 Jahren eingeschult worden. Der Kiga in Deutschland langweilte ihn und nie und nimmer hätte ich ihn da ein weiteres Jahr hinschicken können. Es ist bei ihm genau so wie Du schreibst. Er ist ein kluges Köpfchen aber manchmal zu verträumt und deshalb ungenau. Das liegt am Alter sagt die Lehrerin. Er ist eigentlich der einzige Junge, der mit 6 eingeschult wurde, alle anderen mit 7/7+ und das würde man halt merken, er lässt sich schnell ablenken oder träumt und wird dann nicht fertig. Wir haben Glück, eine tolle Lehrerin zu haben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er in die Para-Klasse gekommen wäre… ich probiere das echt mal mit ihm aus und berichte dann.
    Lieben Gruß
    Tanja

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    1. Danke für deinen lieben Kommentar! Ich glaube, für besonders sensible und verträumte Kinder ist die Zimmer-Lösung echt eine gute Idee! Berichte dann bitte, ob es geklappt hat mit dem Löwenjungen, ja?

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  3. Tolle Idee und Schule ist wirklich etwas… Ich sehe es ja nun auch seit einer Weile aus der Sicht der Eltern und könnte mich über einiges Aufregen. Fiona ist wirklich sehr Kreativ, was man schon allein an der Idee erkennen kann 🙂

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  4. Sehr treffender und einleuchtender Text. Danke dafür!
    Meine Tochter (5) kommt diesen Sommer auch zur Schule (ist dann gerade 3 Wochen 6 Jahre) und „tickt“ ganz ähnlich. Habe viele Parallelen erkannt, denn ich befürchte, dass auch sie Schule so erleben wird. Danke für die geniale Zimmer-Idee – das kommt bestimmt zum Einsatz, wenn nötig.

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  5. Das „Verträumte“ ist ganz bestimmt keine Folge des (jungen) Alters! Wenn ich nämlich hier über deine Fiona lese, möchte ich meinen, da hat wer über mich geschrieben – und das, nachdem meine Mutter auch den „richtigen Riecher“ hatte und mich als Septemberkind erst rund zwei Wochen vor dem siebten Geburtstag hat einschulen lassen.

    Das allerdings ist bald schon 30 Jahre her, und während meiner bisherigen eigenen Pädagogenlaufbahn schien und scheint es mir so, dass „wir“ kreativen Kinder es im damaligen System noch einfacher haben als unsere Kinder heute (ich habe keine eigenen Kinder, unterrichte aber seit Jahren Nachhilfe (auch) für Grundschulkinder). Und für diese – auch oft kreativen – Kinder (und mich selbst 😉 ) werde ich diese geniale Idee mit den Zimmern im Hinterkopf behalten. Vielen Dank dafür auch an Fiona :).

    Liebe Grüsse,
    Kathi „Keinstein“

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      1. Ein Gedankepalast ist eine Form des Gedächtnistrainings, in dem man Informationen in Schubladen oder Zimmern ablegt und sie sich so besser und länger merken kann.
        In der sehr empfehlenswerten BBC-Serie ‚Sherlock‘ mit Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes wird seine geniale Denk- und Kombinierfähigkeit mit einem Gedankepalast erklärt.
        Ich habe keine Ahnung, wie das genau funktioniert, finde es aber total faszinierend. Wenn das für Fiona gut funktioniert u sie da dran bleiben kann, wird ihr das (Auswendig-) Lernen später mal sehr einfach fallen :o)

        LG,
        Nadine

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  6. Das mit den zimmern ist ziemlich gut und erinnert mich stark an Sherlock Holmes sog. Mind Palace – ein Palast voll Zimmer wo jede Erinnerung und jedes wissen exakt abgelegt ist. Fiona ist also ein kleines (wegen der Körpergröße) Genie!

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    1. Danke für deinen Kommentar! Davon hatte ich noch nie vorher gehört! Aber das mit dem Genie lese ich ihr lieber nicht vor, sonst kriegt sie noch Höhenflüge, hahaha 🙂 sie ist so schon total erstaunt, wie viele Menschen ihre Idee mit den Zimmern cool finden!

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