Temporäre Schulkindamnesie

oder: wie mich das Kind mit „Weiß ich nicht mehr“ an den Rand der Verzweiflung brachte.

Fiona geht in die 1.Klasse und besucht mit viel Freude den Lebenskundeunterricht (das weltliche Pendant zu Religion). Die Kinder durften im Unterricht ihre Namen auf kleine Zettel schreiben und in ein großes Glas stecken. Jede Woche wird nun ein Kind gezogen, das „Bärchen“ mit nach Hause nehmen darf.
Bärchen ist ein kleiner Teddybär, der eine Woche lang bei jedem Kind zu Hause wohnen darf. Er kommt in einer durchsichtigen Plastiktüte und bringt eine Art Mini-Schulranzen, eine Zahnbürste und ein großes Tagebuch mit. In dieses Tagebuch malen, schreiben und kleben die Kinder ein, was Teddy in der Woche bei ihnen alles erlebt hat. Eine total schöne Idee, wie ich finde. Entsprechend aufgeregt war Fiona, als sie gestern stolz das Bärchen samt Zubehör aus ihrer Mappe zog.
Im Tagebuch stehen auf der ersten Seite die Regeln für das Zusammenleben. Nummer 1 lautet:
Pass immer gut auf Bärchen und seine Sachen auf.

Bärchens erste Nacht bei uns verlief problemlos; er durfte natürlich in Fionas Bett schlafen.
Heute früh bereitete ich Toast zu, extra in Bärchenform mit einem unserer vielen Ausstecher. Honigbrot mag er nämlich für sein Leben gern, erzählte mir das Kind.
Und dann, kurz vor dem Losgehen zur Schule, schickte ich Fiona und Bärchen Zähneputzen, schließlich hat der Teddy ja sogar eine eigene Zahnbürste dabei.
Daraufhin stellte mir Fiona die Frage der Fragen:
„Wo ist Teddys Zahnbürste?“
– „Na in dem Beutel mit seinem Zubehör. Wo hast du den denn?“
„Du hattest ihn doch.“
– „ICH?! Nein, DU hast ihn doch gestern gehabt. Wo hast du die Tüte denn hingelegt, nachdem du den Bär rausgenommen hattest?“
„Ich weiß es nicht mehr.“

Diese vorübergehende Amnesie befällt Kinder meistens schon im Kindergarten, wenn man sie am Abend fragt, was sie am gleichen Tag (!) zum Mittag gegessen haben.
Möchte man wissen, was das Kind in der Schule gelernt hat, muss man konkreter fragen: „Ihr habt heute bestimmt das R gelernt. Oder das B?“. Fragt man allgemein, gibt es oft nur „Weiß ich nicht mehr“ zur Antwort. Verrückt, so ein Kinderkopf. Auch die Handschuhe, die sie morgens noch anhatte, sind am Nachmittag nicht mehr da. Mützen, Schals und Strickjacken ereilt nicht selten das gleiche Schicksal.
Letztens hat sich in der Schule die Jacke eines Jungen angefunden, der vor 6 Jahren (!!) die Grundschule verlassen hat. Scheint also kein Einzelfall zu sein, mein Kind. Gut, dass der Kopf angewachsen ist!

Zurück zu Bärchen:

„Wir haben ihn noch keine 24 Stunden und du hast schon seine Sachen verbummelt?!?“
– „Wir haben ja noch eine ganze Woche Zeit, sie zu finden, Mama…“

Und während ich, den Tränen der Verzweiflung nahe, eine Stunde meines Vormittages damit verbrachte, das Kinderzimmer inklusive Verkleidungskiste umzupflügen, kam mein Mann aus dem Wohnzimmer, hielt eine Tüte hoch und fragte, was die zwischen den Spielzeugen auf der kleinen Couch mache und was das da drin sei…
Bärchen wird den Rest der Woche von der Hand in den Mund leben müssen, denn sein Rucksack (mit Verpflegung) wurde von mir konfisziert und wird erst am Tag der Rückreise wieder herausgegeben. Sicher ist sicher!

Sind eure Kinder auch solche verplanten Verbummler? Wird das irgendwann besser?
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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

4 Kommentare zu „Temporäre Schulkindamnesie“

  1. Jaaaa!!!! Absolut jaaaaaa!!! „Das weiss ich nicht mehr“ ist LadyGagas Lieblingssatz und hat mich schon oft zur Verweiflung gebracht.Oder auch sowas wie „Oh, ich glaube, wir gehen heute mit der Vorschule in den Wald“ – wenn sie bereits fertig angezogen vor dem Haus steht – in NICHT waldtauglicher Kleidung. Die Amnesie kommt in sämtlichen Variationen zu uns. Ich hoffe, es geht dann mal vorbei. Seufz. Was hab ich gerade gesagt?

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  2. Kenne ich auch, mein Enkelkind weiß nie, was es in der Schule zu essen gab und auch wenn man fragt, was denn am jeweiligen Tag gelernt wurde, weiß es das nicht mehr genau!
    Die Sache mit dem wandernden Bärchen finde ich zauberhaft!
    LG Regina

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  3. ^^schön geschrieben, ich weiß nicht wie viele Jacken wir im ersten Schuljahr verloren haben. Selbst im Winter ist mal die Winterjacke weggekommen, wobei man sagen muss, dass teilweise mein Kind unschuldig war und einfach andere seine Sachen genommen haben. Aber ich wusste schnell alle drei Fundgruben der Schule^^Das mit dem Essen hatten wir glücklicherweise nicht, aber verlieren tun sie sachen zu hauf. Besonders gerne Handschuhe, Schals und Mützen^^

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