Brief an meine große Tochter

Meine allerliebste Fiona von der ganzen Welt,

morgen ist dein großer Tag, deine Einschulung, auf die du nun schon so lange wartest.
Am liebsten wärst du letztes Jahr schon zur Schule gekommen. Eine Rückstellung (weil du mit 5 Jahren eingeschult wirst) wäre für uns nicht in Frage gekommen. Du bist zwar sehr gerne in den Kindergarten gegangen, aber man hat im letzten Jahr deutlich gemerkt, dass du endlich lernen willst. Obwohl wir es zwischendurch immer mal wieder probiert haben, hat dich das Lesen nicht so interessiert. Diesen Sommer auf Kreta ist dann plötzlich der Knoten geplatzt! Mit einer „Zaubertafel“ hast du auf ein Mal gelesen und auch selber geschrieben, wie du es hörst: BLUME, QUALE, GOMIBAL, LIGE, PUL, MERESTIR und viele andere süße Kreationen.

Du bist fest entschlossen, später Quallenforscherin zu werden und alle aus deinem Umkreis wissen das. In den Geschenken zu deiner Einschulung wird sich das widerspiegeln: von der Kuschelqualle über Quallenlexika bis zur Quallenlampe. Es gibt kaum etwas, das dich so fasziniert wie diese Tiere. Du kommst regelmäßig mit „iPaddy“ zu mir und möchtest, dass ich „Quallen“ google. Dann schaust du dir stundenlang Filme und wissenschaftliche Dokumentationen an und verblüffst fremde Leute mit deinem Wissen, wie z.B. letzte Woche in Binz am Ostseestrand. Ich sah dich von Weitem aus meinem Strandkorb am Ufer stehen, eine Traube Erwachsene um dich herum. Du erklärtest mit großen Augen, einer Qualle in der Hand und wichtigen Gesten, dass die Ringe zwar Ohren heißen, in Wahrheit aber ihre Geschlechtsorgane seien. Und gleichzeitig warntest du in deinem Vortrag vor der gefährlichen Irukandji-Qualle und der Portugiesischen Galeere.

Ich finde wahnsinnig toll und beeindruckend, wie du dich für Dinge begeistern kannst und wie konzentriert und ehrgeizig du deine Ziele verfolgst. Schweinebaumel an der Reckstange hast du dich lange nicht getraut, hast es aber so lange probiert, bis es endlich geklappt hat. Und dann hast du mir beschrieben, wie dein Mut im Bauch gekitzelt hat, als du zum ersten Mal losgelassen hast.

Du bist seit gut 8 Monaten große Schwester vom kleinen F, und zwar die tollste auf der ganzen Welt! Du singst für sie, kuschelst mit ihr und drückst sie ganz fest, wenn ihr euch morgens zum ersten Mal seht oder sie nachmittags beim Abholen dabei ist. Du „liest“ ihr Bücher vor, hilfst beim Füttern und spielst in der Wanne geduldig mit ihr Ball („Nein, zu MIR! Nicht in den Mund!“). Und ich kann mein Glück kaum fassen, wenn ich euch beide zusammen sehe, meine beiden wunderschönen Mädchen.
In manchen Momenten, wenn deine Schwester dir mal wieder besonders ähnlich sieht, sehe ich wieder die kleine Nono vor mir, die am ersten Geburtstag mit wenig Haaren in dem gleichen Hochstuhl gesessen und die Hände vor Freude in die Luft gestreckt hat. Paradoxe Zeitrechnung mit Kindern: eine Ewigkeit und irgendwie doch nur ein Augenblick.

Ich habe dir letztens einen Flyer vorgelesen, den wir von der Grundschule bekommen haben. Auf dem steht, was zukünftige Erstklässler können sollten. Dass du noch keine Schleife binden konntest, hat dir keine Ruhe gelassen und du hast geübt, bis es ging. Jetzt kann die Schule starten!

Im Juni hattest du dein großes Jahresabschlusskonzert mit der Melodica. Noch zu Weihnachten hast du bei der Probe zwar alles mitgespielt, aber beim eigentlichen Konzert wolltest du lieber vom Publikum aus zusehen. Lampenfieber? Davon war im Sommer nichts mehr zu merken! Souverän und selbstbewusst hast du ganz vorne links im Orchester auf der Bühne gesessen und dein erstes großes Konzert gespielt. Mein kleines Mädchen. So groß. Dass du dir hinterher am gleichen Tag den Arm gebrochen hast und wir den Abend im Krankenhaus verbracht haben, ist allerdings die nicht so schöne Erinnerung.

Ein komisches Alter ist das – man hat ein bisschen das Gefühl, als hättest du deinen Körper momentan nicht im Griff. Arme und Beine wirken unverhältnismäßig lang und nicht selten haust du dir deine Extremitäten irgendwo an oder stolperst über deine eigenen Füße. Erst letztens haben wir ein nagelneues Spiel ausprobiert namens „Alles Banane“, bei dem man mit einer gelben Holzbanane pantomimisch Gegenstände darstellen muss. Bei deiner ersten Vorführung hast du dich mit ausgestrecktem Arm gedreht und hast prompt am Türrahmen eine Ecke an der Banane abgeschlagen, weil du noch nicht wusstest, wie groß dein Armradius inzwischen geworden ist…

Vor einigen Wochen waren auch deine Launen extremer; du hast wegen Kleinigkeiten gezickt und gemotzt und wurdest nur noch wütender, wenn man dir Hilfe angeboten hat. Zum Beispiel wolltest du ein weißes Blatt Papier in deinem Rucksack mitnehmen, wolltest aber nicht, dass es knautschig wird. Ich riet dir, es einmal ordentlich zu falten und in dein Malbuch reinzulegen, damit es nicht knickt. Du bist ausgerastet, weil es nicht ganz in das Malbuch passte und ein kleines Stück Papier noch überstand. Als ich sagte, dass es trotzdem nicht so knicken würde als wenn du es „nackt“ in den Rucksack steckst, warst du bockig und wolltest weder Malbuch noch Papier mitnehmen. Ich war traurig, dass du mich so anzickst und dich wütend aufs Bett wirfst, wenn ich dir nur helfen will. Aber wir haben darüber geredet und uns ganz fest in den Arm genommen. Blöde Vorschulpubertät.
Du stehst zur Zeit total auf Tattoos und findest von deiner Lieblings-CD „Eule findet den Beat“ Punkmusik am Coolsten („Die putzen sich mit Schokolade die Zähne und kämmen sich nicht die Haare!“).

In den letzten ca. 2 Monaten hattest du nachts wieder Probleme beim Einschlafen. Trotz Nachtlicht, Gute-Nacht-Kuss, Hörspiel, Schlafmilch und Wärmekissen riefst du bis 22.30 Uhr nach uns und konntest einfach nicht einschlafen, obwohl du müde warst. Oft hast du auch in der Nacht nach mir gerufen, dann bin ich zu dir gekommen und habe dich getröstet, weil du Albträume hattest. Deinen Wunsch, mit in mein Bett zu kommen, würde ich dir niemals abschlagen. So schliefen wir dann auf 90cm zu dritt: ein Baby, das im Schlaf aus unerklärlichen Gründen nicht nur 75cm lang, sondern auch ebenso breit ist, ein 1,21m langes Vorschulkind und am Fußende zusammengerollt eine Mama mit „Isch habe Rücken“ am nächsten Morgen. Oft ist Papa ein paar Nächte ins Wohnzimmer umgezogen, damit du in seinem Bett schlafen konntest. Das war die Sicherheit, die du brauchtest in der Zeit, in der du kein Kindergartenkind mehr, aber auch noch kein Schulkind warst. Neben der unbändigen Vorfreude auf den neuen, aufregenden Lebensabschnitt ist da ganz bestimmt auch ein bisschen Unsicherheit und Angst vor dem Unbekannten. Das ist ganz normal. Wir sind für dich da!

Schon mehrfach wurdest du von Bekannten aber auch von Fremden gefragt, ob du in die Schule kommst. Wenn du stolz mit „JA!“ geantwortet hast, kam nicht selten der Kommentar mit dem „Ernst des Lebens“, der jetzt losgehen würde. Wir haben ausführlich darüber gesprochen und ich habe dir erklärt, dass das meistens alte Leute sagen, die keine Ahnung haben, dass jetzt kein Ernst, sondern der wahre Spaß beginnt! Der Ernst des Lebens ist von mir aus die erste Steuererklärung, aber doch nicht der erste Schultag! Du weißt das inzwischen besser und grinst nur noch wissend, wenn dein Schulbeginn wieder ein Mal unqualifiziert kommentiert wird.

Der Osterhase hat in diesem Jahr deine Schulmappe mitgebracht, ein wunderschönes Exemplar in rot/rosa mit Herzen. Zeitlos und mädchenhaft mit einem einfachen Magnetverschluss. Seitdem hatten wir genug Zeit zum Üben der Abläufe und haben x Mal Schule gespielt. Du hast mich regelrecht verpflichtet, an den Nachmittagen Schulaufgaben vorzubereiten. Beim Klingeln kamst du mit deinem Rucksack ins Wohnzimmer stolziert, hast gewissenhaft die ersten Rechen-, Schreib- und Malaufgaben gelöst und deine Schulstifte eingeweiht.

Ende Juni wurdet ihr von der Grundschule zum „Schnuppertag“ eingeladen, an dem ihr euch morgens in der Schule getroffen, eure Klassenlehrerin kennengelernt und in den Schulalltag reingeschnuppert habt. Ganz aufgeregt hast du mir von diesem Tag erzählt und wusstest vor lauter Eindrücken gar nicht, wo du anfangen sollst!

In dieser Woche hat in Berlin die Schule wieder begonnen, das heißt für dich, du darfst schon 5 Tage vor der Einschulung in den Schulhort gehen, Klassenkameraden kennenlernen, im Klassenzimmer spielen, malen, bauen, kneten, auf dem Spielplatz rutschen, klettern und all die schönen Dinge ausprobieren, die dann auch im Schulalltag auf dich warten. Wenn ich dich morgens zur Schule bringe, staune ich über dieses große Kind mit einem Schul- und einem Wackelzahn, das federnden Schrittes auf das Hortgebäude zu geht und nachmittags so glücklich und übersprudelnd von seinem Tag erzählt.

Und in diesen Momenten habe ich auch ein wenig Angst vor morgen und würde, wenn ich könnte, vielleicht auch nochmal zu meiner Mama ins Bett kriechen nachts. Ich freue mich so sehr für dich, dass es jetzt endlich weitergeht, dass etwas Neues anfängt und du nicht mehr zu den Kleinen gehörst. Das lachende Auge kann es kaum erwarten, dich vom ersten Schultag abzuholen und deine erste Hausaufgabe mit dir gemeinsam zu lösen.
Das weinende Auge sucht währenddessen schon mal die Taschentücher raus und bereitet sich seelisch und moralisch auf den Moment vor, in dem das große Mädchen in seinem wunderschönen Kleid mit Blume in der Hand und Schulmappe auf dem Rücken aufgerufen wird, zu seiner Klassenlehrerin geht und nochmal verschwörerisch zwinkert, wenn es mit der Klasse die Turnhalle verlässt. Schnief! Gut, dass ich ein Baby zum Dran-Festhalten dabei habe, wenn du, mein großes Kind, fliegen lernst…

Liebe Fiona, 
ich wünsche dir eine wundervolle Einschulung, einen ganz tollen Schulstart und freue mich auf den neuen Lebensabschnitt! Bleib so mutig, abenteuerlustig und wissbegierig wie du bist!
Ich liebe dich,
deine Mama

Hier sind zwei Perlen, 
in groß und in klein.
Denn dein erster Schultag,
wird diesen Herbst sein.
Ich trage die große,
und denke an dich,
du hast die kleine
und denkst auch an mich!

Und dann in der Schule
ist’s wie Zauberei:
beim Spielen und Lernen
hast du mich dabei!

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

1 Kommentar zu „Brief an meine große Tochter“

  1. Mit kullert grad ein Tränchen. Heb sie alle gut auf, deine Briefe für Fiona. Wenn irgendwann einmal das Internet kaputt gemacht werden sollte 😉 , dann hat Fiona hoffentlich eine kleine Holzkiste, in der sie dennoch alle gespeichert sind. Alles, alles Liebe für das große Schulmädchen, Sina

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