Mommy Wars

In dem gelben Checkheft, was man bei der Geburt des Kindes ausgehändigt bekommt, stehen vorne ein Haufen Termine drin, zu denen man sich mit dem Nachwuchs beim Kinderarzt vorstellen soll. Die sogenannten U-Untersuchungen, die für den gemeinen Berliner wie öffentlicher Nahverkehr klingen, sind wichtig, um den aktuellen Entwicklungsstand des Kindes einschätzen und ggf. weiterführende Untersuchungen veranlassen zu können. Neben den Eckdaten für’s Serviceheft (Größe, Gewicht, Kopfumfang, etc) werden anfangs noch motorische Kompetenzen (kann den Kopf selbstständig halten, kann sich drehen) und später auch die sprachliche Entwicklung festgehalten. Der Kinderdok hat in die Übersicht die abenteuerlichsten Kreationen eingetragen, die er zu den abgebildeten Gegenständen von Kindern in besagten Untersuchungen gehört hat, sehr lustig! (Fiona hatte bis vor 1 Jahr noch ein kleines „Sch“-Problem und verkaufte der Ärztin das bei uns auf der Übersicht abgebildete Schiff immer absichtlich als „Boot“, haha)

Quelle: kinderdoc.wordpress.com

Meine Tochter hat schon sehr früh sehr viel gesprochen, konnte dafür z.B. nicht krabbeln und hat Windeln getragen bis sie fast 3 war. Probleme deswegen gab es bei den ärztlichen Untersuchungen nie. Einzig das Vergleichen mit anderen ist es, was Mütter stresst und nicht selten in die sog. „Mommy Wars“ ausartet, einem Battle unter Müttern, wessen Kind was besser kann und weshalb die jeweils andere alles falsch macht. Bis auf wenige Ausnahmen („Wie? Deine Tochter krabbelt nicht? Du solltest mit ihr zum Arzt gehen deswegen!“, „Was? Mit 2 Jahren lässt du dein Kind schon mit dem iPad spielen?“) bin ich davon verschont geblieben, bei mir sind es eher die „Grandma Wars“, denen ich schon mehrfach zum Opfer gefallen bin! Damit meine ich aber nicht mal meine eigene Oma, der stünde das ja eventuell noch zu, sondern fremde alte Leute, die meinen, ihren Senf dazu geben zu müssen!

Situation 1: Für ein Konzertkleidchen von Fiona kaufte ich ihr bei H&M weiße Glitzerschuhe mit kleinem Hacken, weil sie die soooo schön fand und sich unsterblich in diese „Prinzessinnenschuhe“ verliebt hatte. Sie wollte sie noch im Einkaufscenter ausprobieren. Eine ganze Weile ging es gut, dann stolperte sie ein bisschen und weinte. Nicht, weil sie sich ernsthaft verletzt hatte, sondern eher vor Schreck. Das reichte allerdings aus, dass sich eine Schar gaffender Rentnerinnen lautstark zu Äußerungen über meine mütterliche Inkompetenz hinreißen ließ. Schlagfertigkeit ist das, was einem hinterher einfällt… Fiona wollte ihre Schuhe auch nach dem kleinen „Unfall“ nicht ausziehen, weil sie sich so schön fand. Sie ist ehrgeizig und wollte das Laufen damit üben. Die Alten schüttelten ihre grauen Häupter und lästerten noch eine Weile über meine Unverantwortlichkeit. 

Foto: Marco Winiarski

Situation 2: Nuckel hat sie von Anfang an verweigert und stattdessen ihr Däumchen genommen. Ja, ich weiß, schiefe Zähne, Fehlstellungen, usw. Ich selbst habe meinen Daumen (nachts) noch genommen, als ich schon ziemlich groß war (habe keinen schiefen Zähne und hatte nie eine Spange) und ich werde es ihr ebenfalls nicht verbieten. Wenn es sie beruhigt oder beim Einschlafen hilft, darf sie das auch weiterhin tun. Aber wie oft ist es in den letzten Jahren vorgekommen, dass ältere Menschen sich ungefragt runtergebeugt und einen Kommentar losgelassen haben? Es war alles dabei, angefangen vom harmlosen „Das gehört sich aber nicht für ein großes Mädchen“ bis hin zu „…sonst kommt nachts der Schneider und schneidet deinen Daumen ab“.
Ich frage mich ernsthaft: geht’s eigentlich noch?!


Situation 3: „Na dein Hasi sieht aber schon sehr geliebt aus. Der muss mal in die Waschmaschine!“
Was der muss, entscheiden wir. Und nein, Waschmaschine steht nicht zur Debatte. Ein Mal im Jahr eine vorsichtige Handwäsche für’s Gröbste und danach ein schonendes Trocknen auf der Wäscheleine, das ist das höchste der Gefühle. In der Waschmaschine würde man ihm seine Seele auswaschen. Aber das verstehen nur Menschen, die ein Kuscheltier mal so geliebt haben wie ein Familienmitglied. Generell bewegt man sich mit Kommentaren über das äußere Erscheinungsbild von „Liem-Hasi“ auf sehr, sehr dünnem Eis ^^


Situation 4: Fiona hat gesehen, wie ich eines Abends im Sommer meine Fußnägel lackiert habe. Sie wollte auch gerne „bunte Füße“ haben. Ich habe ihr den Wunsch erfüllt, weil ich finde, dass nichts dagegen spricht.
Anders ist es meiner Meinung nach mit Lidschatten, Wimperntusche, Rouge und Lippenstift, die aus kleinen Mädchen Lolitas machen. Aber Nagellack…?
Unterhaltung mit zwei anderen Müttern vor der Kita: „Also bei uns gibt es keinen Nagellack! Ich durfte das als Kind auch nicht obwohl ich es so gerne wollte, deswegen erlaube ich es jetzt auch nicht.“
– „Ja, also meine Tochter darf auch keinen Nagellack tragen. Damit muss sie warten, bis sie alt genug ist…“
Und ich stehe daneben und frage mich, in welchem Film ich gelandet bin. Neben mir Fiona mit ihren blauen Glitzerfüßchen.

Grundsätzlich denke ich, dass jede Mama mit und an ihren Kindern wächst. Erziehung ist eine große Herausforderung und besteht hauptsächlich – wie es mal auf Twitter zu lesen war – aus den kritischen 3 Sekunden, in denen du dich zwischen Moralpredigt und High Five entscheiden musst (@PatzillaSaar). Mit einem gesunden Menschenverstand und dem mütterlichen Bauchgefühl macht man in der Regel schon sehr viel richtig!
Und wenn die ökologisch korrekte Veganer-Muddi ihren Kindern Dinkelkekse einpackt, die die Natur freiwillig hergegeben hat im Gegensatz zu den quietschbunten Fruchtzwergen in der Brotbüchse meiner Tochter, dann kann ich ihre Auffassung zwar genauso albern finden wie sie meine, käme aber nie auf die Idee, mich ihr gegenüber dahingehend zu äußern. Leben und leben lassen.

Ich plädiere also für ein bisschen weniger einmischen und ein bisschen mehr Klappe halten und sich seinen Teil denken, dann lebt es sich für alle entspannter.

P.S. Und bis unsere Nummer 2 geboren wird, werde ich mich bei den anderen Paradenteilnehmern noch ein bisschen in Sachen kreativer Antworten belesen und an meiner Schlagfertigkeit feilen, denn zu einem Neugeborenen gibt es die gutgemeinten Ratschläge („Dem Baby ist zu warm“, „Dem ist zu kalt“, „Das Kind hat Hunger“) ja meistens gratis dazu 😉

Das war mein Beitrag zur Triple-Blogparade von Mama-on-the-rocks, Muffinqueen und Momsoffice.

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