"Ich will zu meiner Mama"

Ein ganz normaler Dienstag Morgen: liebevoll geweckt werden, aufstehen, frühstücken, anziehen, waschen, Zähne putzen, Haare kämmen, zusammen lachen, ein Kuscheltier für die Kita aussuchen und losfahren. Im Auto Fachgespräche über Biene Maja und das Motto für den 5. Geburtstag im Oktober. Alles gut. Vor dem Kindergarten angekommen einen akuten Schnuffelanfall kriegen und noch 5min im Auto sitzen bleiben und mit „Liem-Hasi“ kuscheln (der nur für die Fahrt dabei ist und normalerweise nicht mit in den Kindergarten geht, weil er viel zu wichtig ist…). Krümelmonster, der eigentlich heute mit rein sollte, im Auto lassen und stattdessen Hasi mitnehmen. Okay, ausnahmsweise… Danach folgte mein persönlicher Kita-Albtraum:

In der Garderobe angekommen, wollte sie plötzlich nicht Jacke und Schuhe ausziehen, sondern drückte sich mit dem Gesicht an mich. Nanu? Ich half ihr beim Ausziehen und wir gingen zum Gruppenraum, die Tür stand offen. Von Weitem winkte schon die Erzieherin. Ich kniete mich hin um sie zu verabschieden, mit einem Kuss, „Viel Spaß“ und „Ich hab dich lieb“, wie jeden Morgen. Auf ein Mal hing sie sich an meinen Hals, setzte sich auf meinen Schoß und sagte, sie wolle nicht hier bleiben und lieber mit mir mitkommen in die Schule. Oh nein! Ich redete die nächsten 10 Minuten wie mit einem kranken Tier. „Willst du mal gucken, was die anderen da basteln“, „wollen wir mal schauen, ob deine Freundin schon da ist“, „ihr geht nachher bestimmt in den Garten“, „weißt du schon, was es heute Leckeres zum Mittag gibt“, „Ich muss doch heute wieder in die Schule und danach hole ich dich ganz schnell ab“, … Nichts half. Beim heftigen Umarmen stieß sie sich zu allem Überfluss auch noch den Kopf am Türrahmen und die Tränen rollten. Ihre beste Freundin kam und sagte, sie könne gerne mitspielen mit dem Puppenhaus, allerdings gäbe es keine Puppen mehr. Ich: „Ach, da findet ihr bestimmt noch eine!“ Die Freundin: „Nee, wirklich, da sind nur noch zwei. Eine hat Amélie und eine habe ich.“ Super.
Kind klammerte weiter. „Ich will bei dir bleiben.“

Irgendwann kam die Erzieherin und flüsterte mir zu, sie glaube, wir sollten besser kurzen Prozess machen. Sie nahm Fiona auf den Arm, ich beugte mich rüber um sie zu küssen, als sie schon „neeeiiiiiin“ rief. Dann sagte ich ihr, dass ich sie lieb habe und ging. Im Flur hörte ich sie noch schreien: „ICH WILL ZU MEINER MAMAAA!“. Ich lief schneller, die Tränen rollten meine Wangen hinunter. Ich drehte mich nicht nochmal um obwohl meine Beine schwer waren wie Blei und ich am Liebsten stehengeblieben wäre. Die gesamte Rückfahrt im Auto heulte ich wie ein Schlosshund.
Immer wieder hallten die Worte in meinem Kopf nach, ich hörte sie rufen: „Ich will zu meiner Mama!“. Es hat mir fast das Herz gebrochen. Ach, was sage ich. Es HAT mir das Herz gebrochen.
Es erinnerte mich an meine Kindheit, ich hatte das auch manchmal. Ich weiß, wie schlimm dieses Gefühl ist in dem Moment und wie allein man sich fühlt. Aber ich weiß auch, dass es ihr nicht hilft, wenn ich sie dann wieder mit nach Hause nehme. Vielleicht ist sie einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Den ganzen Morgen war alles okay. Sie mag die anderen Kinder und auch die Erzieherin sehr gerne. Ich weiß nicht, was sich heute früh in dem kleinen Kopf abgespielt hat. Während ich jetzt, nach über 2 Stunden, immer noch daran denke und mich kaum auf meine Unterrichtsvorbereitung konzentrieren kann, ist bei ihr bestimmt schon wieder alles in Butter und wenn ich sie abhole, wird sie sagen, ich sei viel zu früh, sie wolle noch im Garten spielen…

Zum Glück ist so ein „Anfall“ sehr selten, vielleicht 2x im Jahr, aber wenn, dann leide ich wohl noch viel mehr als sie. Ich glaube, durch die Schwangerschaftshormone kam es mir heute noch schlimmer vor. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber obwohl man eigentlich weiß, was man tun muss (verabschieden und gehen, Stichwort liebevolle Konsequenz), fühlt man sich in der Situation so hilflos. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir hätten beide heulend auf einem viel zu kleinen Kindergartenstuhl gesessen und nach unseren Mamas gerufen. Kennt ihr das?

Und an Tagen wie heute wird einem bewusst, wie viel Wahrheit doch in dem Spruch mit dem Herzen steckt, das man ab der Geburt außerhalb seines Körpers trägt…

Foto: angieconscious/ pixelio.de
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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

6 Kommentare zu „"Ich will zu meiner Mama"“

  1. Oje, da hab ich jetzt grad mit dir geheult. Sowas tut echt weh. ((( )))
    Wir stehen ganz am Anfang der Kita-Zeit und letzte Woche hatte die Perle auch so einen Grauen-Morgen. Das Weinen hallt wirklich lange nach im Kopf (und länger noch im herzen). Unfair isses, dass man da nicht einfach auf das Herz hören kann, sondern auf den dummen Kopf und „was jetzt eben sein soll“.

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  2. So ging es und damals auch, aber da war noch eher in der Krippe. Aber wenn man weg ist, dauert es meist nur ein paar Sekunden und dann ist für die Kinder schon wieder alles gut, nur man selbst leidet…

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  3. Das kenne ich auch nur zu gut. Gerade in der Schwangerschaft mit Copperfield hat LadyGaga die ersten Monate in der neuen Kita viel geweint – es war einfach zu viel für sie. Es hat mir das Herz gebrochen, vor allem, weil sie dann auch schon nachts zuhause geweint hat, wenn es am nächsten Tag wieder in die Kita ging. Aber ich musste ja arbeiten gehen, es half alles nichts. Ich bin froh, haben wir diese schwierige Phase hinter uns. Ich drück Dir die Daumen, dass es bei diesem einen Mal bleibt und sie einfach einen schlechten Tag hatte. Ich glaube, es ist nicht so schlimm (für sie, für Dich schon), wenn sie einmal weint. Sie weiss doch, dass ihre Mama abends wieder zurückkommt, dieses Vertrauen ist das Wichtigste! Ach, und was ich jeweils gemacht hab: ich habe während des Tages (natürlich nur an den schlimmen Tagen) in der Kita angerufen um zu fragen, wie es ihr geht. Das hat mich immer sehr beruhigt. Das wird wieder <3!

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  4. Ja, solche Tage gibt es. An denen sind gute Erzieher Gold wert.
    Meist wird dann aber doch das Spielzeug ganz schnell interessanter und Mama ist vergessen, also hast Du Dir wohl länger Sorgen gemacht als Fiona Dich vermisst hat.
    In Zoe's Gruppe war ein Junge, bei dem diese „Szene“ Standardritual war: Jeden Morgen (Mama/Papa darf nicht weg) und Nachmittag (Will im Kiga bleiben!).

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