MAMA

Dieser Blogpost ist einem ganz besonderen Geburtstagskind gewidmet: meiner Mama, die hier zwar selten kommentiert, aber jede einzelne Zeile gelesen hat, die ich je geschrieben habe.

Es gibt im Internet diesen wunderschönen Text namens „Bevor ich Mama wurde“ mit all den Dingen, über die man sich erst Gedanken macht, wenn man eine ist, z.B. über die Vor- und Nachteile des Impfens, über Apfelsinen in der Stillzeit (wunder Po!), über die Trinkmenge eines Säuglings, die Farbe des Windelinhaltes und darüber, ob die eigenen Pflanzen giftig sind (ok, ich schaffe es immer, meine auszurotten, bevor ich das rausgefunden habe). Aber das Baby verändert nicht nur die Frau, wenn sie Mutter wird, sondern es greift sogar noch eine Generation zurück, denn auch die Wertschätzung für die eigene Mama nimmt ungeahnte Dimensionen an.
Ihr kennt das vielleicht: plötzlich läuft in deinem Kopf ein Film ab, er wird in schnellen Bildern von der Erwachsenenwelt über die Pubertät bis in die frühe Kindheit zurückgespult und du siehst dich selbst mit hohem Fieber im Bett deines Kinderzimmers, zitternd die Lieblingskuscheltiere an dich gedrückt. Und dann siehst du, wer da am Fußende deines Bettes sitzt und trotz deiner Proteste ausdauernd kalte Tücher um deine Waden wickelt: Mama.

Nächster Stopp: du sitzt wacklig auf dem Sattel, hältst den Lenker mit beiden Händen fest und fängst langsam und vorsichtig an zu treten. Nach den Gesetzen der Schwerkraft müsstest du längst unten liegen aber das tust du nicht, denn sie läuft unnatürlich gekrümmt die ganze Zeit hinter dir her und hält dein Rad am Gepäckträger in der Senkrechten: Mama.
Fast forward: Du kannst nachts nicht mehr einschlafen und findest plötzlich alles in deinem Zimmer unheimlich. Sie rutscht im Halbschlaf rüber und lässt dich in ihrem Bett schlafen, auch wenn du alle Kuscheltiere mitgebracht hast, weil die alleine sonst Angst haben: Mama.
Play: du schaukelst im Garten bis in den Himmel, glaubst, du kannst fliegen. Eine Freundin läuft am Gartentor vorbei, du lässt los und winkst. Jede salzige Träne küsst sie weg, klopft dir den Sand und die Steinchen von den Handflächen und findet die richtigen Worte, damit du die Hoffnung nicht aufgibst, eines Tages wirklich ein bisschen fliegen zu können: Mama.
Stopp:  Du sitzt mit deinem nagelneuen Rucksack auf der Bank zwischen den ganzen Kindern, dein Name wird aufgerufen und ihr sollt mit der Lehrerin in euer Klassenzimmer gehen. Du lächelst tapfer und willst eigentlich am liebsten umdrehen, aber sie winkt dir aufmunternd zu und lässt dich ihre Träne nicht sehen: Mama.
Fast forward: Du hast Unterrichtsschluss und wohnst nur 800m von der Schule entfernt. Trotzdem siehst du jeden Tag zur gleichen Zeit ein Auto zwischen den Bäumen hinterm Zaun, in dem sie auf dich wartet: Mama.
Play: du fährst mit deinen Freunden ein Fahrradwettrennen über einen Huckelweg und bemerkst den großen Stein nicht rechtzeitig. Sie versichert dir glaubhaft, dass du auch mit fehlender Ecke am Schneidezahn noch der schönste Mensch auf der Welt bist: Mama.
Stopp: Schulaufführung. Du bist das Schneewittchen und wirst nach Essen des vergifteten Apfels nicht ganz originalgetreu aber zweckmäßig in einer Schubkarre abtransportiert. Eigentlich bist du tot, aber du öffnest deine Augen einen winzigen Spalt und siehst, wer auf einem viel zu kleinen Stuhl stolz in der allerersten Reihe sitzt: Mama.
Play: Du fühlst dich am Gymnasium ungerecht behandelt, weil der Lehrer doof ist. Selbst, wenn die Bewertung zu 60% an deinem sportlichen Unvermögen liegt, kämpft sie wie ein Löwe: Mama.
Pause: Abitur. Du weißt nicht, ob du wirklich Ärztin werden willst, wie du es seit frühester Kindheit vorgehabt hast, oder ob du doch lieber dein Hobby, die Musik, zum Beruf machen solltest. Ein Mensch auf der Welt kennt die richtige Antwort, nämlich, dass du auf dein Herz hören musst: Mama.

Und wenn ich diesen, meinen Film starten möchte, brauche ich nur an unseren Gewürzschrank gehen und einen tiefen Zug nehmen. Dann sitze ich als kleines Mädchen in der Wanne im Thymian-Erkältungsbad und kurz darauf kommst du wieder mit den Wadenwickeln…

Ich habe beim Schreiben geweint und gelacht, Erinnerungen aus längst vergessen geglaubten Schubladen ausgegraben und in meiner Kindheit wie in einem alten, sehr wertvollen Buch geblättert. 
Am Ende bleibt mir eigentlich nur Eines zu sagen:  
DANKE und Happy Birthday, Mama!

….and many, many happy returns! 

Dez. 2010

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

4 Kommentare zu „MAMA“

  1. Ich wein auch gleich.
    Wunderschön!

    Obwohl ich ganz genau weiß, dass bei mir mein Papi mit dem Kleinen Finger am Gepäckträger hinter meinem Fahrrad hergerannt ist als ich im Garten das Fahren ohne Stützräder geübt habe 😉

    Ein schöneres Geschenk als diese berührenden Zeilen hättest du ihr wohl nicht machen können.

    <3

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