Feuchtgebiete – wir haben’s getan!

Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich vergangenes Wochenende mal wieder im Kino. Diesmal stand keine leicht verdauliche Animations-Kinderbespaßung à la Ice Age auf dem Programm, sondern harter Tobak: die Verfilmung des „Skandalromanes“ Feuchtgebiete von Charlotte Roche.

Als ich auf einem Flug Anfang 2008 die Buch-Ankündigung im Bordmagazin gelesen hatte, stand für mich fest, dass ich dieses Buch lesen muss.Endlich mal etwas, worüber sich die Welt das Maul zerreißen wird. Und so kam es dann ja auch: 30 Wochen auf Platz 1 der Literaturcharts, Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und der Sensationserfolg des Jahres 2008. Ich kenne kaum ein Buch, das so durchwachsene Bewertungen kassiert hat wie der Debütroman von Charlotte Roche. „Kotzkrämpfe auslösender, trivialer Schund“ vs. „mutige, offene und lustige Gesellschaftskritik“. Ob das Werk die Bezeichnung „Literatur“ wirklich verdient hat, darüber lässt sich streiten. Auf jeden Fall ist es pure Provokation vor dem Hintergrund der sehr durchwachsenen Familienstruktur der psychisch labilen Protagonistin Helen. Man mag sich fragen, was hier tatsächlich im Vordergrund steht: das völlig schamfreie Verletzen gesellschaftlicher Konventionen oder das psychische Trauma eines Scheidungskindes, das die Eltern wieder vereinen möchte. Ich glaube ehrlich gesagt, Charlotte Roche wollte nicht nur „irgendein“ Buch schreiben, was ein paar Teenager vielleicht lesen, die sie mal auf VIVA gesehen haben, sondern sie wollte ganz bewusst etwas veröffentlichen, das die Nation spaltet. Denn egal, ob es gefallen hat oder nicht – über Feuchtgebiete wurde gesprochen. Mittlerweile ist die Spiegel-Bestsellerliste wieder „sauberes“ und trockenes Gebiet, die Medien haben sich beruhigt und ebenso die erhitzten Gemüter der Zeitgenossen, die beim Lesen des Buches angewidert ihre Nasen gerümpft hatten. Denkste! Denn vor wenigen Wochen stürmte die Verfilmung die Kinos.
Ich habe eigentlich selten mal beim Lesen eines Buches gedacht, dass es auf keinen Fall verfilmt werden sollte. Bei „Feuchtgebiete“ allerdings dachte ich genau das und ich gehe davon aus, das 90% der Leser bei der Lektüre Ähnliches gehofft hatten.
In den vergangenen 5 Jahren waren die Details in meinem Kopf verblasst, so dass ich nur noch vage wusste, womit Helen experimentiert und was ansonsten so passiert. Der Film holte aber alles sehr präsent in die Gegenwart zurück. Wer ihn noch nicht gesehen hat bzw. noch unentschlossen ist, ob er ihn sich angucken sollte: der Film ist extremer als das Buch, er ist eklig, schockierend, abstoßend, ehrlich aber gleichzeitig auch ziemlich gut und stellenweise wirklich witzig (für Menschen, die einen bisschen schrägen Humor haben)! Ich ziehe meinen Hut vor den Produzenten und der jungen Schauspielerin Carla Juri! Das Buch so originalgetreu umzusetzen und auf die Leinwand zu bringen, Stimmungen einzufangen und das Unvermeidliche zu zeigen ohne es wirklich zu zeigen, ist eine große Kunst. Natürlich flimmerten ab und an mal Brüste oder Geschlechtsteile über den Bildschirm, aber nicht in der Form, dass man es fälschlicherweise für einen Fetisch-Porno hätte halten können,

während Helen in der Badewanne Obst und Gemüse auf phallische Qualitäten testete… Obwohl ich relativ „hart im Nehmen“ und nicht leicht zu schockieren bin, saß ich während der Vorstellung teilweise mit der Hand vor dem Mund oder bei einigen wenigen Szenen auch mit abgewandtem Gesicht in meinem Kinositz, das tat dem letztlich doch positiven Gesamteindruck aber keinen Abbruch. Wie ich das so schreibe, liest es sich tatsächlich ein bisschen widersprüchlich, aber ich glaube, das versteht man nur, wenn man den Film gesehen hat. Die Stimme der Hauptdarstellerin ist der der Original-Frau-Roche sehr ähnlich, ein bisschen quäkig und irgendwie naiv, aber auch das passt perfekt zu der Figur Helen, die mit kindlicher Neugier die eigenen (und fremden) Körperflüssigkeiten unter die Lupe nimmt und ihr Gegenüber und den Kinozuschauer unverblümt damit konfrontiert. Wo zu Goethes Zeiten Werthers Freitod ausgereicht hat, um die Menschen in Schockstarre zu versetzen, bedarf es heute, wo Nacktheit und Erotik in den Medien überpräsent sind, eines aktuelleren Tabus um Menschen nachhaltig zu schockieren. Das ist den Machern zweifelsfrei gelungen. Auch schaffen sie es, nur durch die gelungene Verbindung von Bild und Musik witzig zu sein. Meine Lieblingsstelle zu diesem Thema? 4 Pizzabäcker, die (aus Genervtheit von einer sich beschwerenden Bestellerin) gemeinsam auf eine frische Pizza onanieren. Zu den Slowmotionbildern des „Schüttel-Quartetts“ der klassische Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“. Ich habe sehr gelacht, bin aber – anders als Helen – nicht davon überzeugt, dass der „kulinarische“ Genuss so einer Pizza erstrebenswert ist…
Einziges wahres Manko: wie fast immer ist auch in den Feuchtgebieten mal wieder „die Gesellschaft schuld“, wie bei allen großen Dramen der Vergangenheit. Fragwürdig.

Abschließend noch ein schönes Zitat von http://www.film-zeit.de:

„Feuchtgebiete glänzt mit wunderbarer Hauptdarstellerin und guter Regie. Wer hart im Nehmen ist, wird ein in vielerlei Hinsicht intensives Kinoerlebnis haben. Rein filmtechnisch kann man durchaus das Wort „gelungen“ verwenden, der Zukunft unserer Gesellschaft zu liebe möchte ich dennoch von diesem Film abraten.“

Habt ihr den Film gesehen/das Buch gelesen?
Ich bin auf eure Meinungen gespannt!

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

8 Kommentare zu „Feuchtgebiete – wir haben’s getan!“

  1. Liebe Vivi,
    das Buch habe ich auch 2008 gelesen und fand es : nix. Es ist weder literarisch hochwertig noch gute Pornographie und die Geschichte ist langweilig und konstruiert. Ganz subjektiv, natürlich. Es ist meines Erachtens kein Buch, über das es sich zu diskutieren lohnt, weil es dafür schlicht zu langweilig daher kommt.
    Aber es sagt sehr viel über unsere Gesellschaft, was für ein Bohay drumherum veranstaltet wurde. Wie verklemmt sind wir denn, dass man sich über so einen völlig belanglosen Roman so aufregen kann? Oder ihn als hohe Kunst abfeiern, bloß weil darin Geschlechtsorgane und Popel vorkommen?
    Nun gibt es also einen Film, der die Langeweile mit bewegten Bildern und reichlich Körperflüssigkeiten zu kaschieren versucht. Herzlichen Glückwunsch. Rat mal, was ich mir nicht gebe. Und zwar nicht, weil es ekelig sein könnte, das ist mir Hupe, ich fühle mich tatsächlich null provoziert. Mir schlafen nur bei dem Gedanken schon die Füße ein.
    Ach, war das schön, das einmal runterzuschreiben. 🙂
    Drück Dich, bin mal gespannt, ob das außer mir überhaupt noch jemand findet.
    Beste Grüße von Nina

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  2. Liebe Nina, ich finde auch, dass es viel über unsere Gesellschaft aussagt! Zumal sich bestimmt niemand dran gestoßen hätte, wäre es ein Mann gewesen, der sich in Fäkalsprache über seine Popel und Körperflüssigkeiten verständigt…Und ich schätze, dass mehr Menschen deiner Meinung sind! Wie eingeschlafene Füße fand ich es wie gesagt nicht – der Film ist meiner Meinung nach besser (und extremer) als das Buch. Also ich fühlte mich jedenfalls seicht unterhalten und konnte auch ab und an mal richtig lachen 😉 beste Grüße zurück us danke für deine Meinung!

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  3. Für Tabubruch um des Tabubruchs Willen ist es meiner Meinung nach schon ein paar Jahrzehnte zu spät; wahrscheinlich spricht es nicht so arg für mich, wenn ich sage, dass ich im Kino unterhalten werden will, aber das ist eben so. Ich bin kein Problemfilmgucker und kein Problembuchleser – ohne garantiertes Happy-End lese ich kein Buch und sehe keinen Film. Und wenn mir jemand sagt, dass es zwischendurch gruselig oder eklig wird, dann schaue ich mir Buch oder Film erstmal nicht an.
    Hey, ich könnte in derselben Zeit einen Saal weiter sitzen, und mir einen bonbonbunten Actionkracher in 3D geben. Mit Popcorn. Oder ein Buch lesen, das lustig/dramatisch/interessant ist.
    Aber danke, dass Du es auf Dich genommen hast, den Film anzusehen – und meine Vorurteile in Sachen Feuchtgebiete zu bestätigen.

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  4. Uiuiui, das hört sich heftig an! Ich habe das Buch nicht gelesen, aber überlegt den Film zu gucken. Mein Mann sagte, zu heftig. Nun navh Deinem super Post bin ich hin- und hergerissen. Vielleicht wenn er irgendwann mal im TV zu sehen ist. Ich ekel mich doch ziemlich schnell.

    Liebe Grüße, Tanja

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