Best-Of September

Während ihr diese Zeilen lest, verbringen wir bei angekündigten 28°C ein paar Ferientage im schönen Griechenland, um den Sommer 2013 noch ein letztes Mal zu sehen.
An unserem September möchte ich euch trotzdem gerne teilhaben lassen, es folgt also wie immer am Ende des Monats unser Best-Of, zuerst in Bildern.

Über Postcrossing habe ich Tina aus Queensland kennengelernt, die uns eine ganz süße Postkarte mit australischen Tieren geschickt hat. Weil Fiona so begeistert vom Koala gewesen ist, wollte uns Tina eine Freude machen und hat anschließend noch zwei kleine Fingerpuppen auf die weite Reise um die halbe Welt geschickt. Fiona war total aus dem Häuschen, als ihre australische Post dann im Briefkasten lag und hat sich schon im Vorfeld große Sorgen gemacht, weil der Koala ohne Begleitung ganz allein im Flugzeug reist. Alleine war er dann doch nicht, denn er hat seinen Freund, einen niedlichen Galah-Vogel (Rosakakadu) mitgebracht, wie sie bei Tina in Scharen den Garten bevölkern. Wer kann schon behaupten, dass er echte australische Tiere zu Hause hat? Noch am gleichen Abend hat sich Fiona mit ihrem ersten Englisch mächtig ins Zeug gelegt, so dass wir nach ein paar Anläufen ein niedliches „Benk you very much“ per Videobotschaft nach Queensland schicken konnten 🙂

Eine kleine Erkältung spendierte Fiona eine Woche zu Hause ohne Kindergarten, in der ihr Lego-Sortiment mal wieder Hochkonjunktur hatte und wir viel gemalt, gebastelt und gekuschelt haben. Auch die Spielzeugkasse klingelte ordentlich, denn ich habe mir ganz exklusiven Öko-Brokkoli für sagenhafte 6,30€ andrehen lassen…und dann hat er nicht mal geschmeckt ^^ Was sagt ihr zu unseren Lego-Tieren? Mein Highlight ist der Pinguin auf dem Traktor – haha.

Nach einer Idee von Pinterest ist auch bei uns ein hübsches Elefantenpaar auf Leinwand entstanden in der Krank-Woche. Ist das nicht süß geworden?
Letzte Woche habe ich bei meinem Früherziehungskurs mit den 4- bis 5-jährigen Kindern gefragt, was denn Elefant auf Englisch heißt. Rief ein Kind: „Törööö!“ 🙂 Ja, so kann man’s auch sagen.

Meine Nähmaschine ist auch mal wieder zum Einsatz gekommen, denn das Shirt zum Geburtstag ist Pflicht, wenn man als kleiner Mensch noch sooo stolz auf die neue Zahl ist! Es passt wie angegossen und der Tag, an dem sie es endlich anziehen darf, rückt immer näher. Die Leggings mit den unterschiedlichen Hosenbeinen wird auch heiß geliebt und meine Notentunika ist tatsächlich eine der ersten Sachen, die ich für mich selber genäht habe.

Den anstehenden Geburtstag habe ich ja eben schon erwähnt. Es soll „uuunbedingt“ eine AngryBirds-Party werden. Jeder Versuch, sie auf unter Kindern bekanntere Helden wie Raupe Nimmersatt oder Micky Maus umzulenken, scheiterte kläglich. Es müssen „Ennibördz“ sein. Das Deko-Zubehör liegt bereit, für das Menü (und den Kuchen) übe ich noch ein bisschen. Die gebastelten Einladungskarten sind schon bei ihren Empfängern angekommen, jetzt muss es nur noch Oktober werden. Und als besonderes Highlight wird es in diesem Jahr Luftballonfiguren geben. Auch wenn ich immernoch unter akuter „Platzangst“ leide, habe ich schon ein paar Hunde, Blumen und Papageien unfallfrei geknotet. Nichts ist unmöglich – ich liebe das Internet (äh, und in dem Fall vor allem Youtube)!

Weil unser Build-A-Bear-Sid ganz schön den Kopf hat hängen lassen, sind wir mit ihm zum Bären-Doc gefahren, wo ihm ein bisschen Füllwatte transplantiert und er bei der Gelegenheit auch neu eingekleidet wurde. Außerdem hieß es diesen Monat: auf die Rutsche, fertig, los! Das Geburtstagsgeschenk von meinen Eltern, ein großes Klettergerüst mit „Baumhaus“, Sandkasten, Schaukel, Rutsche, Seil und Kletterleiter, steht schon seit ein paar Tagen im Garten und wird fleißig auf Herz und Nieten geprüft. Ich könnte ihr stundenlang beim Klettern und spielen zusehen, ein absoluter Kindertraum, der da in Erfüllung gegangen ist! Und als wir an einem Septembersonntag eigentlich „nur“ auf den Spielplatz wollten, sind wir mitten in ein großes Sambafestival geraten und Fiona durfte sogar selber bunte Maracas basteln. Sowas kann einem in Berlin schon mal passieren 😉

Das Zitate Best-Of lest ihr hier:
Fiona ist 3 Jahre und 11 Monate alt.
„Was hast du heute im Kindergarten gemacht?“
– „Ich habe Bowlingkugeln geformt….aus Matsch!“
(in der Badewanne)
„Mama, kannst du das Wasser mal stillhalten?“
„In meinem Auge war ein Popel!“
„Maaaaamaaaaa!!! Ich hab eine nackte Schnecke gefunden! Die ist schon ausgeschlüpft!“
„Die Musik ist so laut, dass man Pferdekacke riechen kann.“
(???)
„Mama, du bist ein guter Backer und ein guter Kocher!“
(an der Kasse)
„Guck mal, die Bezahlerin hat mir einen Luftballon geschenkt!“
(Fiona nimmt 3 Treppenstufen auf ein Mal)
„Ich bin von der dreisten Treppe gehüpft!“
„War heute ein schöner Tag im Kindergarten?“
– „Nein.“
„Wieso denn nicht?
– „Also Mama, die Sache war so….“
(Sie bekommt einen elektrischen Schlag)
„Ich habe Strom von ihr abgekriegt.“

„Ich gehe Trampolin springen.“
– „Okay, aber mach den Reißverschluss zu, ja?“
„Ja, ich weiß ja, sonst kann man sich weh tun. Dann kann man hinfallen und sich den Fuß verletzen. Oder den Arm. Oder am schlimmsten ist, wenn man sich den Kopf verletzt! Dann geht nämlich das ganze Blut aus dem Körper raus, wenn der Kopf kaputt ist….“

„Mir ist ein Stück Kartoffel runtergefallen, aber ich habe es schnell
wieder auf meinen Teller gelogen.“

„Guck mal, ganz unten steht, man darf hier Pferde mit in die Bahn nehmen…“
Die Google-Suchanfragen im September haben Folgendes ergeben:

„Herz gemalt hässlich“
– Warum sucht man online danach?
Und vor allem: was sagt das über meine Malkünste aus? *räusper*

„Die schlechte Seite in meinem Leben“
– Komm auf die dunkle Seite der Macht. Wir haben Kekse. Gibt’s da nicht so eine DailySoap?
Ich seh in dein (hässliches?) Herz, sehe gute Seiten, schlechte Seiten… ^^

„Badezimmer Radio Ente Muschel“
– Wäre da nicht Shopping-Guru amazon die richtigere Adresse gewesen? Im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten fällt das Entscheiden schwer. Ente oder Muschel? Wer war zuerst da?

„Jugendweihe Schuhe weiblich Absatz“
– ja, kann man grundsätzlich schon machen. Speziell das Besteigen von Treppen sollte man allerdings vorher üben. Und der schönste weibliche Absatzschuh bringt nichts, wenn die gewohnheitsmäßige Turnschuhträgerin auf ihren Stöckeln elegant wie ein Tier mit Rüssel Richtung Wasserloch trabt…

„Volker Rosin mit Kastanien und Eicheln“
– was? Bewerfen…?

Ich wünsche euch einen guten Start in einen (hoffentlich!) goldenen Oktober!
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Terrible Twos?!

Herbst 2011

Wir müssen uns warm anziehen.
Und damit meine ich nicht etwa den Herbst, der vor der Tür schon in vollem Gange ist…
Die sog. „Terrible Twos“ beziehen sich, so dachte ich, auf die Trotzphase 2-jähriger Kinder, die schon so viel wollen, aber eben noch nicht alles können, die sich erstmalig selbst als eigenständigen Menschen wahrnehmen und einen sehr eigenen Willen haben, den sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchsetzen wollen.
Entweder ist meine Erinnerung an 2011 tatsächlich so löchrig, dass ich die Zeit als relativ entspannt abgespeichert habe, oder „wir“ haben diese akute Phase ausgelassen, das Potential dafür „angespart“, um sie pünktlich 2 Jahre später in potenzierter Form auszuleben.
Oder heißen die Terrible Twos Terrible Twos, weil sie periodisch alle 2 Jahre wiederkommen…?

Wenn ich mir ein Wort aussuchen könnte, was ich aus Fionas Wortschatz streichen dürfte, es wäre vermutlich ABER.
Im Moment ist alles ABER. Wir geraten fast täglich aneinander, seien es so banale Dinge wie „Gehst du jetzt bitte Hände waschen?“ oder „Nein, es ist schon spät, heute gucken wir keine Folge Caillou mehr.“. Bocken, wütend aufstampfen, eingeschnappt die Hände verschränken, Augenbrauen zusammenziehen, heulen, meckern – das volle Programm. Es fällt mir manchmal schwer, in solchen Situationen gelassen zu bleiben und ihr in dieser schwierigen Zeit durch liebevoll-strenge Konsequenz ihre Grenzen zu zeigen statt genauso bockig abzuziehen. Natürlich weiß ich, wie man sie übersteht, diese Phase. Theoretisch. Auf jeden Fall weiß ich, dass man sie irgendwie gemeinsam übersteht und das ist schon mal ein Lichtblick.
Auf der einen Seite ist Fiona unglaublich weit entwickelt, sie kann und weiß für ihre knapp 4 Jahre schon eine ganze Menge, sie ist vielseitig interessiert und wirklich begabt im musisch-sprachlichen Bereich. „Aber“ (da war’s wieder…) auf der anderen Seite fällt sie mit ihren zickigen Trotzanfällen auch wieder schnell in die Baby-Kleinkind-Phase zurück, in der ich dann mein eigentlich so großes Mädchen nicht wiedererkenne. Ein kleiner Rückblick:

Zur Geburt haben wir für sie ein Baby-Set für die Badewanne geschenkt bekommen: einen
Badethermometerfisch, eine weiche Bürste, Kamm, Nagelschere, Fieberthermometer und eine flüssigkeitsgefüllte Beißkirsche, die man dem Baby beim Zahnen gekühlt zum Kauen in die Hand drücken kann. Besagte Kirsche ist relativ bald nach dem ersten Satz Zähne (vermutlich) in den Keller gewandert, irgendwo weit weg, weil wir sie nicht in absehbarer Zeit wieder benutzen wollten. Aus mir unerklärlichen Gründen hat mich Fiona in letzter Zeit schon mehrfach auf diese Kirsche angesprochen und sogar angefangen zu weinen, weil ich gesagt habe, dass ich nicht weiß, wo sie ist (und darüber hinaus die Such-Notwendigkeit nicht sehe). Gestern standen wir in einem Drogeriemarkt, ich am Fotodrucker, sie in der Spielwarenabteilung. Nach einer Weile kam sie an mit genau dieser Kirsche. Auf dem Schild stand 4m+, also für Babys ab 4 Monate. Meine Tochter wird in ein paar Tagen 4 JAHRE alt und bekam einen mittelschweren Bockanfall, weil ich diese Kirsche nicht kaufen wollte. Als Zugeständnis bot ich ihr an, sich eine Kleinigkeit aus dem Grabbelregal auszusuchen. Sie kam an mit einer Fillypferd-Überraschungstüte. Ansich kein Problem. Sinn dieser Tüten ist – wie der Name schon sagt – die Überraschung, weil man vorher nicht weiß, was drin ist. Ich kenne mein Kind mittlerweile sehr gut und wies sie darauf hin, dass auf der Tüte zwar viele hübsche Pferde abgebildet seien, man aber nicht wisse, welches letztendlich drin sei. „Ja, ja, ich weiß“. Kurz nach dem Bezahlen große Ernüchterung beim Öffnen: nicht das bunte Regenbogenpferd, sondern ein pinkes mit einer Blume am Hintern. Süß, aber eben nicht  das, was sie wollte. Dass man kurz enttäuscht ist, okay. Aber dass man deswegen („Ich wollte aber ein anderes!!!“) im Einkaufscenter anfängt zu heulen und mit den Füßen aufzustampfen, geht zu weit. Ich sage dann nicht, dass ich wütend auf sie, sondern enttäuscht von ihrem Verhalten bin. Ich benutze so wenig wie möglich „du“, sondern verpacke meinen Ärger in Ich-Botschaften und habe dennoch das Gefühl, dass die zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus gehen. Auch bewusstes Provozieren in der musikalischen Früherziehung, weil sie nicht damit umgehen kann, Mamas Aufmerksamkeit eine Stunde in der Woche auch mal mit anderen Kindern zu teilen, ist für uns beide eine harte Prüfung.

Vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich einem ihrer größten Wünsche nachgegeben, den regenbogenfarbenen Skechers-Schuhen aus Amerika. Wichtigstes Feature: sie leuchten. Ein Mal rundherum bei jedem Schritt und so hell, dass sie problemlos die Glitzerkugel in der Disco ersetzen könnten. Bei jedem Schuhkauf hat sie mir die Skechers gezeigt, erzählt, wer von ihren Kitafreundinnen diese Schuhe hat und wie gerne sie doch auch solche (O-Ton) „stylischen Leuchteschuhe“ haben würde. Weil die allerdings so viel kosten, wie 2 Paar günstige Mamaschuhe zusammen (und Mama den Vorteil hat, dass ihre Füße im Gegensatz zu Fionas nicht mehr wachsen wie frisch gesäter Rasen), wollte ich warten, bis sie die nächste Größe trägt, damit sich die Investition auch lohnt. Die nagelneuen Schuhe mussten sofort im Laden angezogen werden und die Freude war riesig. Als wir abends nach Hause kamen, zog sie einen Schuh im Flur aus und den anderen in ihrem Zimmer. Als ich sie bat, den Flur-Schuh ebenfalls in ihr Zimmer zu bringen, sie dazu aber offensichtlich keine Lust hatte, nahm sie den teuren Schuh und warf ihn bockig und mit Schwung in die Playmobil-Ecke, wo es nur so krachte.
Ohne viele Worte nahm ich die Schuhe und das gesamte (!) Playmobilzeug und räumte es außer Reichweite, alles weg. Bittere Tränen und Versprechungen halfen erst mal nichts, die Sachen blieben ein paar Tage bei mir. Solche Konsequenzen tun mir mindestens genauso weh wie ihr, aber aus dieser Situation hat sie gelernt. Jetzt muss ich nur noch lernen, wie ich dieses Prinzip auch auf andere Bock-Situationen anwenden kann bzw. wie ich gelassen bleibe, wenn sie beim Essen auch nach der 5. Ermahnung nicht den Kopf über den Teller hält und die Speisekarte chronologisch von oben nach unten ihre Klamotten ziert…
Wir werden jetzt wohl mal dazu übergehen, die Wut zu personifizieren. Wo ist sie? Im Kopf? Im Bauch? In den Füßen? Wie sieht sie aus, die Wut? Ein Monster mit hässlichen Zähnen und Stacheln auf dem Rücken? Ein angriffslustiges Krokodil mit einem riesigen Maul oder ein brüllender Löwe mit einer großen Mähne? Vielleicht hilft es ihr, wenn sie ihrer Wut buchstäblich einen Namen geben kann und wenn wir das Problemtier in akuten Trotzanfällen einfach vor die Tür schicken, während sie sich dann in Ruhe der Tätigkeit widmen kann, die sie vorhatte, bevor die Wut gekommen ist. Und bis wir das Tier eingefangen haben, heißt es wohl einfach: Augen zu und durch…

Darf ich vorstellen: ein Wutzwerg. „Meine Freundin hat jetzt den Eimer, den ich eigentlich wollte!“

Rettet die Wahlen!

http://www.dasmagazin.de/

Dass in 9 Tagen eine Wahl in Deutschland stattfindet, dürften die meisten mittlerweile mitbekommen haben, auch wenn bei den Erstwählern, die Stefan Raab täglich befragt, oft noch nicht so ganz klar ist, wer wofür oder wogegen gewählt werden soll und, dass man dafür gar kein Telefon benötigt.
In den vergangenen Wochen konnte man sich dem ganzen Medientrubel um die bevorstehende Bundestagswahl ja so gut wie nicht entziehen, schon allein der Kampf der Giganten wurde auf 4 Sendern gleichzeitig übertragen – kein Entkommen!
Die Stadt ist gepflastert mit mehr oder weniger gelungenen Plakaten, die einem in großen Lettern Politikbrocken aus dem aktuellen Wahlprogramm vor die Füße kotzen und in kurzen Abständen erneuert werden müssen, weil große Konterfeis nun mal zum fröhlichen Verzieren einladen. So hat auch eine Angela Merkel schon geschichtsträchtige Bärte sich hat weglasern müssen…
Die großen Parteien setzen mit wenig kreativen Slogans auf Seriösität, haben ihre Farben nochmal durchdacht und präsentieren sich nun in Sonnenaufgangsorange und rot-pink-lila-Regenbogenfarben, denn schwarz macht sich auf einem Plakat nicht so gut und rot ist eben nicht gleich rot. Die Linke setzt mit einer dicken, runden Schrift alles auf plakative und griffige Slogans, ähnlich derer auf der ersten Seite der größten Boulevardzeitung des Landes. Man guckt hin, ob man will oder nicht. Die Grünen haben sich in diesem Wahlkampf auf den Kern der Sache besonnen und reduzieren ihren sperrigen Namen um das Bündnis 90. Auf den aktuellen Plakaten ist aber nicht mal mehr etwas von der Farbe zu lesen, sondern nur noch die Frage „Und du?“ mit einer kleinen Sonnenblume am Rand. Die Plakate sehen aus, wie sich Nicoles Grandprix-Hit 1982 angehört hat: nach langen Haaren, einem alten Wollpulli, einer Gitarre und „ein bisschen Frieden“… Die FDP wirbt mit einem gelb-bewölkten Plakat (und der Hausschrift von Mercedes Benz! Welch Ironie…), auf dem Philipp Rösler zu sehen ist. Darunter steht: „Starke Mitte“. Gut, dass dafür nicht Brüderle Modell stand, denn nach der Dirndl-Affäre hat wohl niemand mehr an seiner höchstpersönlichen „starken Mitte“ gezweifelt. Die Piraten segeln mit gehissten Flaggen in Richtung Bundestag, schießen mit Platzpatronen auf „das WIR“, die „sichere Mitte“ und die „soliden Finanzen“ und fragen stattdessen: „Warum häng ich hier eigentlich? Ihr geht ja eh nicht wählen.“ Einen Kreativitätspluspunkt bekommen sie für das Plakat mit dem Bild eines australischen Beuteltiers und dem Text: „Für einen Wombat in jedem Haushalt!“ und darunter klein: „Unrealistische Wahlversprechen können wir auch.“. Allerdings kann ich mir ein vollbesetztes Piratenschiff, auf dem jeder seine Daten für sich alleine hat, alle auf ihren Drogen rumkauen und niemand dabei gefilmt wird, dann doch nicht vorstellen. Die „Alternative für Deutschland“ hat so einen beknackten Namen, dass man wohl automatisch vermutet, das Wahlprogramm sähe längentechnisch ähnlich aus. Auch der „Potenzanzeiger“ (wie der Pfeil des AfD-Logos im aktuellen „Magazin“ im Interview mit einem Typografen genannt wurde) tendiert für mich eher in Richtung „starke Mitte“; jedenfalls muss ich immer lachen, wenn ich ihn sehe. Die rechtsextremen Parteien werben natürlich auch mit bunten Bildern und „lustigen“ Reimen, sind es mir aber nicht wert, ein weiteres Wort darüber zu verlieren. Pfui! Passend zu dem Thema las ich bei Twitter letztens: „Es dürfen übrigens die gleichen Leute wählen gehen, für die auf den Tiefkühlpizzakartons steht „Folie vor Verzehr entfernen“ (@JuTime).
Selten ein besseres Argument gehört, um am 22. wählen zu gehen! Günther Jauch hatte letztens ein Publikum voller überzeugter Nichtwähler, die mit allem unzufrieden sind und den typischen Satz sagten: „Es ändert sich ja eh nichts.“ Nichtwählen ist auch keine Lösung! Dann lieber den Stimmzettel regenbogenfarben ausmalen oder einen Papierflieger daraus bauen. Hauptsache, er landet in der Wahlurne! Der Wahlomat ist auch seit einer Weile wieder online. Bei mir ist das Ergebnis jedes Mal ein bisschen anders, meine Meinung zu manchen Themen ist wohl stark tagesformabhängig. Leider landet meine eigentlich favorisierte Partei immer auf den hinteren Plätzen. Ich werde also wohl noch mal in mich gehen müssen.

Wisst ihr schon, wen ihr wählt? (Achtung, Wahlgeheimnis, das ist eine Ja/Nein-Frage 😉
Wählt ihr immer die gleiche Partei, weil es eben schon immer so war oder vergleicht ihr tatsächlich Parteiprogramme und die meisten Übereinstimmungen mit eurer Meinung?
Was sagt ihr zu Steinbrücks ausgestrecktem Mittelfinger im Interview? In Zeiten, wo sogar eine schwarz-rot-goldene Kanzlerin-Kette einen eigenen Twitter-Account hat – wollte da ein alter Mann nur ein bisschen „hip“ sein oder ist das als Kanzlerkandidat ein absolutes No-Go? Ich finde, dieses Ohne-Worte-Interview des SZ-Magazins sollte mit allen Spitzenpolitikern durchgeführt werden! Viele Menschen wissen sicher gar nicht, dass Merkels gefaltete Hände die „ausgezeichnet“-Geste des Mr. Burns aus den Simpsons ist, haha.

Eine gute Zusammenfassung der einzelnen Wahlprogramme findet sich hier, da ist jedes Wahlprogramm auch mit dem Zusatz „in einfacher Sprache“ verfügbar. Das der Piraten beispielsweise würde (gelesen von Armin Maiwald) locker als Sendung mit der Maus durchgehen ^^

Fiona interessiert sich übrigens schon im zarten Alter von knapp 4 Jahren brennend für Wahlplakate und hat auch schon einen klaren Favoriten auserkoren: den Milchmann. Gelegentlich auch Ketchup- und Erbsenmann, da amüsiert sie sich königlich drüber. REWE, ein Mal hin, alles drin ^^

Feuchtgebiete – wir haben’s getan!

Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich vergangenes Wochenende mal wieder im Kino. Diesmal stand keine leicht verdauliche Animations-Kinderbespaßung à la Ice Age auf dem Programm, sondern harter Tobak: die Verfilmung des „Skandalromanes“ Feuchtgebiete von Charlotte Roche.

Als ich auf einem Flug Anfang 2008 die Buch-Ankündigung im Bordmagazin gelesen hatte, stand für mich fest, dass ich dieses Buch lesen muss.Endlich mal etwas, worüber sich die Welt das Maul zerreißen wird. Und so kam es dann ja auch: 30 Wochen auf Platz 1 der Literaturcharts, Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und der Sensationserfolg des Jahres 2008. Ich kenne kaum ein Buch, das so durchwachsene Bewertungen kassiert hat wie der Debütroman von Charlotte Roche. „Kotzkrämpfe auslösender, trivialer Schund“ vs. „mutige, offene und lustige Gesellschaftskritik“. Ob das Werk die Bezeichnung „Literatur“ wirklich verdient hat, darüber lässt sich streiten. Auf jeden Fall ist es pure Provokation vor dem Hintergrund der sehr durchwachsenen Familienstruktur der psychisch labilen Protagonistin Helen. Man mag sich fragen, was hier tatsächlich im Vordergrund steht: das völlig schamfreie Verletzen gesellschaftlicher Konventionen oder das psychische Trauma eines Scheidungskindes, das die Eltern wieder vereinen möchte. Ich glaube ehrlich gesagt, Charlotte Roche wollte nicht nur „irgendein“ Buch schreiben, was ein paar Teenager vielleicht lesen, die sie mal auf VIVA gesehen haben, sondern sie wollte ganz bewusst etwas veröffentlichen, das die Nation spaltet. Denn egal, ob es gefallen hat oder nicht – über Feuchtgebiete wurde gesprochen. Mittlerweile ist die Spiegel-Bestsellerliste wieder „sauberes“ und trockenes Gebiet, die Medien haben sich beruhigt und ebenso die erhitzten Gemüter der Zeitgenossen, die beim Lesen des Buches angewidert ihre Nasen gerümpft hatten. Denkste! Denn vor wenigen Wochen stürmte die Verfilmung die Kinos.
Ich habe eigentlich selten mal beim Lesen eines Buches gedacht, dass es auf keinen Fall verfilmt werden sollte. Bei „Feuchtgebiete“ allerdings dachte ich genau das und ich gehe davon aus, das 90% der Leser bei der Lektüre Ähnliches gehofft hatten.
In den vergangenen 5 Jahren waren die Details in meinem Kopf verblasst, so dass ich nur noch vage wusste, womit Helen experimentiert und was ansonsten so passiert. Der Film holte aber alles sehr präsent in die Gegenwart zurück. Wer ihn noch nicht gesehen hat bzw. noch unentschlossen ist, ob er ihn sich angucken sollte: der Film ist extremer als das Buch, er ist eklig, schockierend, abstoßend, ehrlich aber gleichzeitig auch ziemlich gut und stellenweise wirklich witzig (für Menschen, die einen bisschen schrägen Humor haben)! Ich ziehe meinen Hut vor den Produzenten und der jungen Schauspielerin Carla Juri! Das Buch so originalgetreu umzusetzen und auf die Leinwand zu bringen, Stimmungen einzufangen und das Unvermeidliche zu zeigen ohne es wirklich zu zeigen, ist eine große Kunst. Natürlich flimmerten ab und an mal Brüste oder Geschlechtsteile über den Bildschirm, aber nicht in der Form, dass man es fälschlicherweise für einen Fetisch-Porno hätte halten können,

während Helen in der Badewanne Obst und Gemüse auf phallische Qualitäten testete… Obwohl ich relativ „hart im Nehmen“ und nicht leicht zu schockieren bin, saß ich während der Vorstellung teilweise mit der Hand vor dem Mund oder bei einigen wenigen Szenen auch mit abgewandtem Gesicht in meinem Kinositz, das tat dem letztlich doch positiven Gesamteindruck aber keinen Abbruch. Wie ich das so schreibe, liest es sich tatsächlich ein bisschen widersprüchlich, aber ich glaube, das versteht man nur, wenn man den Film gesehen hat. Die Stimme der Hauptdarstellerin ist der der Original-Frau-Roche sehr ähnlich, ein bisschen quäkig und irgendwie naiv, aber auch das passt perfekt zu der Figur Helen, die mit kindlicher Neugier die eigenen (und fremden) Körperflüssigkeiten unter die Lupe nimmt und ihr Gegenüber und den Kinozuschauer unverblümt damit konfrontiert. Wo zu Goethes Zeiten Werthers Freitod ausgereicht hat, um die Menschen in Schockstarre zu versetzen, bedarf es heute, wo Nacktheit und Erotik in den Medien überpräsent sind, eines aktuelleren Tabus um Menschen nachhaltig zu schockieren. Das ist den Machern zweifelsfrei gelungen. Auch schaffen sie es, nur durch die gelungene Verbindung von Bild und Musik witzig zu sein. Meine Lieblingsstelle zu diesem Thema? 4 Pizzabäcker, die (aus Genervtheit von einer sich beschwerenden Bestellerin) gemeinsam auf eine frische Pizza onanieren. Zu den Slowmotionbildern des „Schüttel-Quartetts“ der klassische Strauß-Walzer „An der schönen blauen Donau“. Ich habe sehr gelacht, bin aber – anders als Helen – nicht davon überzeugt, dass der „kulinarische“ Genuss so einer Pizza erstrebenswert ist…
Einziges wahres Manko: wie fast immer ist auch in den Feuchtgebieten mal wieder „die Gesellschaft schuld“, wie bei allen großen Dramen der Vergangenheit. Fragwürdig.

Abschließend noch ein schönes Zitat von http://www.film-zeit.de:

„Feuchtgebiete glänzt mit wunderbarer Hauptdarstellerin und guter Regie. Wer hart im Nehmen ist, wird ein in vielerlei Hinsicht intensives Kinoerlebnis haben. Rein filmtechnisch kann man durchaus das Wort „gelungen“ verwenden, der Zukunft unserer Gesellschaft zu liebe möchte ich dennoch von diesem Film abraten.“

Habt ihr den Film gesehen/das Buch gelesen?
Ich bin auf eure Meinungen gespannt!