Musik für die Kleinsten

Dass ich Musiklehrerin bin, wissen die meisten von euch wohl mittlerweile. Allerdings arbeite ich nicht in einer staatlichen Schule und unterrichte demzufolge auch keine Klassen, sondern ich arbeite freiberuflich als Instrumentalpädagogin. Meine jüngsten Schüler sind etwa 1 Jahr alt, die ältesten sind schon sehr lange sehr erwachsen 😉 Dazwischen gibt es noch musikbegeisterte Grundschulkinder und zwei Schülerorchester, in denen meine jugendlichen Musiker mit Spaß und Ausdauer dabei sind.
Heute soll es hier um die Kleinsten gehen.

erste Töne mit 17 Monaten

Natürlich schnallt man sich im Normalfall mit anderthalb Jahren noch nicht die Gitarre um oder setzt sich ans Klavier und spielt die erste Sonate. Wenn man nicht gerade Mozart heißt, kommt das aktive Musikmachen am Instrument etwas später, aber auch in so jungen Jahren können Eltern ihren Kindern mit Musik schon viel Gutes tun. [Ich verzichte an dieser Stelle bewusst auf das hochgepushte Wort „Frühförderung“, denn dieser Kurswahnsinn mit Babyschwimmen, Babytanzen, Babyturnen und Babychinesisch nimmt ungesunde Ausmaße an, die meiner Meinung nach hauptsächlich mit der Selbstverwirklichung der Eltern zu tun haben. Liebe Mamas und Papas, bitte entscheidet euch für ein oder maximal zwei Angebote, solange eure Kinder noch nicht zur Schule gehen, sonst fördert ihr nicht, sondern ihr überfordert. Stichwort „Freizeitstress“]

Fiona mit 2 Jahren am Klavier

Babys haben eine angeborene Freude an Musik. Schon während der Monate in Mamas Bauch sind sie ständig umgeben von Klängen und Geräuschen: das Blubbern in Mamas Bauch, ihre Stimme und das gleichmäßige Schlagen ihres Herzens. Wen wundert es, dass sogar erwachsene Menschen ein bestimmtes Tempo als besonders angenehm empfinden: das des eigenen Herzschlages. Auch Musik von außen, wie die Spieluhr auf dem Bauch oder Mamas Lieblingsmusik, kann das Baby später wiedererkennen und sich dadurch beruhigen lassen (wenn Mama nicht gerade AC/DC hört…).
Wer ein Kleinkind zu Hause hat, wird das sicher bestätigen können: sobald der Nachwuchs sich einigermaßen auf zwei Beinen halten kann und irgendwo Musik läuft, wird lachend rhythmisch auf und ab gewippt, eine erste Form des Tanzens. Anschließend wird zum ersten Mal selber „Musik“ gemacht: wie klingt das, wenn man Bauklötze aneinander haut oder wenn man die große Legokiste geplant umstürzen lässt? Kinder sind Entdecker, kleine Forscher, die das Leben und die Zusammenhänge mit den eigenen 5 Sinnen „begreifen“ möchten. Denkt daran, wenn ihr euch das nächste Mal mit einem grinsenden Kind im Chaos des Kinderzimmers wiederfindet 🙂 Mit einem umgedrehten Topf und einem Holzlöffel ist übrigens stundenlanger Spaß garantiert und der erste Kindergeburtstag gerettet!

Es knistert und rasselt so schön! PS. Habt ihr Liemhasi gefunden?

Wenn Eltern mit ihren Kindern in dem Alter meine Kurse besuchen, sage ich gleich vorweg, dass die eine wöchentliche Stunde nicht in erster Linie für die Kinder, sondern für die Eltern ist. Große, staunende Augenpaare gucken mich dann meistens an. Kinder lernen nicht durch einmaliges Vormachen in der Stunde mit mir, sondern durch die ständige Wiederholung zu Hause mit den Eltern. Das ist das Zauberwort für fast alles. Außerdem lernen Kinder durch Imitation, Prinzip Vormachen, nachmachen. Was sie also von den Eltern sehen, möchten sie irgendwann ebenfalls können. Früher haben die Omas mit den Enkeln auf dem Schoß begleitet von fröhlichem Jauchzen Hoppe Reiter gespielt, heute kennen die wenigsten Eltern solche Kinderverse oder mehr als eine Strophe bekannter Kinderlieder, und genau das sollen und wollen sie wieder lernen. Kinder sind unendlich glücklich
über die emotionale Zuwendung, wenn Mamas Hand als Stachelschwein über den Körper krabbelt, ihr Schoß zum wilden Pferd wird und man gemeinsam mit ihr und den kleinen Handwerkern „Stein auf Stein“ legt, um das Häuschen fertig zu bauen. Diese Momente der liebevollen, innigen Verbindung durch Musik zwischen Eltern und ihren Kindern erleben zu dürfen, das macht diese Arbeit so wertvoll. Und wenn aus den kleinen Handwerkern große werden, die mit etwa 4 Jahren zum ersten Mal nicht mehr mit Mama, dafür aber wie ein Schulkind mit ihrem Hefter und dem Glockenspielkoffer zum Kurs kommen, dann platzen nicht nur die wartenden Eltern nach der Stunde vor Stolz über so viel Selbstständigkeit.
Genau an diesem Punkt haben wir vor 3 Wochen begonnen, als die Sommerferien zu Ende waren.

Die Puppe „Lucy“ kennen die Kinder schon von Anfang an. Sie ist im Unterricht immer dabei und mit ihr zusammen wird getanzt, gesungen und gespielt. Der Kurs, der sich an Baby- und Kleinkindmusik anschließt, heißt „Musik & Englisch“ und begleitet die Kinder ab dem Alter von ca. 3,5 Jahren bis hin zur Einschulung. Nach dem Begrüßungslied gibt es jede Woche eine kleine Geschichte von Lucy (Zuhör-Ecke), in deren Zusammenhang Singen, Tanzen und Instrumente spielen (Mitmach-Ecke) und erste englische Vokabeln (Lern-Ecke) spielerisch eingebettet sind. In der Kreativ-Ecke wird auch regelmäßig zu Musik gemalt und der kindlichen Fantasie freien Lauf gelassen.
Durch die Verbindung von Liedern und Reimen mit englischen Vokabeln bleiben die wie von selbst hängen und schon nach kurzer Zeit können die kleinen Musiker in der Fremdsprache ihren Namen sagen, sich begrüßen, verabschieden und erste Farben und Zahlen benennen, sehr zum Erstaunen der Eltern. Dennoch ist das Englisch „nur“ ein Nebeneffekt, denn in erster Linie geht es nach wie vor um das Erleben und das Machen von Musik.
Jede Woche wird ein kleiner Teil unserer über ein Semester fortlaufenden Geschichte weitererzählt und es ist wirklich erstaunlich, wie viel die Kinder davon mitnehmen und wie sie mit Lucy mitfiebern. Stellt euch vor, Lucy war im Urlaub und hat auf dem Flughafen ihr Lieblingskuscheltier, den Teddybär, verloren! Und weil man das ja nicht einfach so hinnehmen kann, fliegen wir in diesem Semester ein Mal um die halbe Welt und suchen Teddy in den verschiedensten Ländern der Erde. Natürlich lernen wir auf der spannenden Suche auch ganz nebenbei, wo auf der Karte welche Länder sind, wie die Musik in Griechenland klingt, ob die Eisbären am Nord- oder am Südpol leben und wo der Koala-Bär zu Hause ist. Fiona ist auch bei einem dieser Kurse dabei. Als der Teddy verschwunden ist, sagte sie erst entrüstet und später noch mal fast weinerlich: „Lucy muss nicht traurig sein! Ich gebe ihr einfach eins von meinen Kuscheltieren!“. Lucy hat übrigens dankend abgelehnt und sich letzte Woche mit den Kindern im Flugzeug auf die Reise begeben. Wir sind gespannt wo es hingehen wird und ob wir Teddy tatsächlich irgendwo finden werden… Nach dem Abschiedslied dürfen sich die kleinen Künstler übrigens sogar verbeugen und bekommen Applaus und einen Stempel für ihre tolle Leistung, bevor sie aufgeregt die Treppen runterspringen und ihren Eltern erzählen, was diese Woche Spannendes passiert ist. Bye-bye, Lucy! Bis zum nächsten Mal!

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

8 Kommentare zu „Musik für die Kleinsten“

  1. Ich gehöre zu den sehr lange schon erwachsenen Musikschülern, habe ein seit einem Jahr erwachsenes „Kind“ in deinem Ensemble, ein Teenager- Kind im Schülerorchester…und irgendwann werde ich wohl mit meinen Enkelkindern deine Lucy- Kurse besuchen!!!
    P.S. wäre mal Zeit für ne Treuekarte 😉 😉

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  2. So wie ich euch einschätze, laufen bei euch CDs aus der Reihe „Die 30 besten…“ Oder? Die kann ich nämlich bei uns zu Hause und im Auto mittlerweile auswendig mitsingen ^^

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  3. Du hast vollkommen recht!! Zumal du ja auch deinen Mann erfolgreich bei uns „untergebracht“ hast 🙂 ich freue mich schon auf Oma Jeannette mit Enkelchen auf dem großen Hüpfball 😀

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  4. Ich glaube, das ist so ein bisschen der Vorteil, wenn man so ländlich lebt wie hier bei uns, mehrere Generationen unter einem Dach, oft die Urgroßeltern noch im Haus – ich kenne Hoppe-Hoppe-Reiter noch von meiner Omi. Glück im Unglück, denn ich kenne keinen so tollen Unterricht für die Eltern, du solltest dir in der Tat überlegen, eine Zweigstelle im sehr ländlichen Hessen aufzumachen, die Großelter kämen auch noch in die Kurse dazu 🙂

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  5. Nee, nee, ich wurde schon mehrfach gebeten, ein bisschen mehr über meine Arbeit zu erzählen. Keine Werbung in dem Sinne 😉 Die, die das lesen, wohnen leider in den meisten Fällen zu weit weg. Schade! 😦

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