Mein Highlight 2013: World Music Festival

Jetzt war es ein paar Tage ruhig auf dem Blog, obwohl ich schon seit Montag Abend wieder im Lande bin. Aber wie es dann so ist: unter Stress vollbringt der Körper Höchstleistungen und hinterher bricht alles zusammen, immunsystematischer Totalcrash, sozusagen. Eine heftige, eitrige Nebenhöhlenentzündung, verbunden mit dem Gefühl, die Augen würden von innen rausgesprengt, sorgte dafür, dass Vieles diese Woche liegen bleiben musste. Die Antibiotika haben glücklicherweise schnell angeschlagen und so langsam kann ich aus dem benebelnden Rausch aus Medikamentencocktail und Endorphinexplosion wieder klare Gedanken fassen und sie für euch aufschreiben. Anmerkung für alle Nichtmusiker: ich bemühe mich, unsere Erlebnisse so verständlich und allgemein wie möglich zu beschreiben, damit ihr nicht nur Bahnhof versteht 😉

Wie ihr vielleicht im Vorfeld schon mitbekommen habt, war ich am Himmelfahrtswochenende mit meinem Ensemble conAmici (Der „Backstage“-Bereich auf der Website ist aktualisiert und lesenswert) und meinem Schülerorchester VIVAccordia in Österreich, wo im schönen Innsbruck alle 3 Jahre eines der größten Akkordeonfestivals der Welt stattfindet, das WORLD MUSIC FESTIVAL. In verschiedenen Kategorien und Schwierigkeitsstufen traten in diesem Jahr 230 Orchester/Ensembles aus 15 Nationen in den Wettbewerb. Ganz Innsbruck befindet sich also 3-jährlich im Mai im absoluten Ausnahmezustand, dass sogar das lokale Fernsehen darüber berichtet! Auf der Straße wird man so gut wie niemanden finden, der kein Instrument spielt.
Diese Masse an Musikern, die sich im riesigen Congresszentrum und den anderen Konzertsälen tummelt, ist schon beeindruckend.
Noch beeindruckender ist es, wenn diese „Masse“ am Abend der Nationen (der Abendveranstaltung, wenn alle Wettbewerbe vorbei sind) gemeinsam singt und tanzt und Menschen gemeinsam feiern, die sich noch nie vorher gesehen haben.
Am Beeindruckendsten ist allerdings die einmalige Atmosphäre, wenn man in der gigantischen Olympiahalle unter 10.000 jubelnden Menschen bei einer Bombenstimmung daraufhin fiebert, seinen Namen bei der Preisverleihung zu hören.

Aber von vorn: mitgespielt habe ich beim World Music Festival schon, als Leiterin und Dirigentin 

war es für mich aber auch das erste Mal. Am Donnerstag haben wir fast den ganzen Tag im Bus verbracht, aber wenn man mit den besten Freunden unterwegs ist, wird es nicht langweilig. Fiona hat ihre „Mediennutzungszeit“ für 2013 mit dem iPad an diesem einen Wochenende aufgebraucht ^^ Aber ich bin sehr froh, dass wir es dabei hatten und sie sich während der Fahrt sinnvoll beschäftigen konnte. Ich glaube, sie hat nur ein Mal gefragt, wann wir da sind 🙂 Der coole Busfahrer hat uns auf der Fahrt mit seinen trockenen Kommentaren durchgehend erheitert:

„Wer 3min zu spät kommt, tanzt. Wer 5min zu spät kommt, singt. Und wer mehr als 5min zu spät kommt, der singt und tanzt da, wo der Bus gestanden hat…“ und der Erste, der uns hinter der österreichischen Grenze begrüßt hat, war ein wunderschöner Regenbogen. Den Schatz an dessen Ende durften wir sogar hinterher mit nach Hause nehmen, doch dazu später mehr…

Während der Busfahrt schien fast durchgängig die Sonne. Besonders attraktiv war nicht zuletzt deswegen nach der Ankunft in Innsbruck die riesige Frontscheibe unseres Busses. Zitat Fiona: „Oh, da sind wohl sehr viele Fliegen ranges-toßen!“ Das mit der Sonne hatte sich pünktlich zum Wettbewerbsbeginn am Freitag erledigt: it was raining cats and dogs, wie der Brite sagen würde. Reißenden Absatz fanden aufgrund dieser Tatsache die hübschen Notenregenschirme, mit denen halb Innsbruck an diesen Tagen unterwegs gewesen ist. Von Freitag früh bis Samstag Abend war rund um die Uhr in allen Konzertsälen Wettbewerbsprogramm geboten und so zogen wir von einer Spielstätte zur nächsten, hörten viele Auftritte an, fieberten mit befreundeten Vereinen mit (Ehrensache!), klatschten, jubelten und wunderten uns auch zum Teil über ziemlich schräge Beiträge, die kompositionstechnisch mit Musik nicht mehr allzu viel am Hut hatten… Die Generalprobe, die in die Hosen gehen muss, damit der Auftritt gut wird, hatte ich mit dem Schülerorchester am Freitag Abend, nur ein paar Stunden vor dem großen Tag. Wir probten nochmal intensiv und konzentriert und konnten hinterher dann doch zufrieden ins Bett gehen…

An wirklich erholsamen Schlaf war in dieser Nacht allerdings nicht zu denken. Das Ensemble hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Wettbewerb am Samstag um 9 Uhr zu eröffnen. Anfangs hatten wir gemurrt, dass wir schon so früh spielen sollten, aber je näher der Termin kam, desto glücklicher waren wir damit. So konnten wir ganz in Ruhe aufbauen, uns konzentrieren, mit Anleitung unserer Ärztin in spe auf der Bühne Muskelentspannungsübungen machen 😉 und mit einer frischen Jury in den Tag starten. Der eigentliche Auftritt hat dann wirklich gut geklappt. Jeder greift mal versehentlich daneben, besonders, wenn man so unter Adrenalin steht, wie in diesen Minuten, aber insgesamt haben wir eine souveräne Performance abgeliefert und konnten nach dem Spielen auch wirklich zufrieden mit unserer Leistung sein. Die Tränen der Überwältigung konnten wir danach einfach nicht mehr zurückhalten, denn das schöne Gefühl, dass sich die viele Arbeit und die intensiven Proben der letzten Monate gelohnt haben in Verbindung mit der Anspannung, die plötzlich von einem abfällt, ließ alle Dämme brechen und so lagen wir uns nach dem Auftritt glücklich schniefend in den Armen und genossen das conAmici-Gefühl mit unserer musikalischen Familie…

Das Schülerorchester, das wegen unseres Schlagzeugers (mein Mann) als Jugendorchester antreten musste, obwohl außer ihm noch niemand 16 oder älter ist, stand für nachmittags, 16 Uhr, auf dem Plan. Vorher fuhren wir nochmal zur Jugendherberge, aßen eine Kleinigkeit (so wenig habe ich sie noch nie essen sehen!), spielten noch einen Durchlauf unserer Stücke, machten uns fertig und fuhren zur Messehalle in die Stadt. Die Leistung des Orchesters war im Vorfeld teilweise relativ durchwachsen, denn von Kindern zwischen 10 und 14 Jahren kann man nicht erwarten, dass sie sich immer so professionell wie kleine Erwachsene verhalten. Auch wenn alle gut vorbereitet zu dieser Reise aufgebrochen sind, kann es manchmal an kleinen Unaufmerksamkeiten liegen, dass etwas nicht so klappt wie geplant und einen Spieler auch mal völlig aus der Bahn wirft. Ich habe vor dem Auftritt die Augen geschlossen und ihnen gewünscht, dass sie auch vor der internationalen Jury in dieser Prüfungssituation ihre Nervenstärke bewahren und ihr Können zeigen. Und was soll ich sagen – sie haben auf der Bühne so gut gespielt wie selten vorher!!! Ich hätte jeden Einzelnen küssen können vor Freude! Von den zum Teil anstrengenden und lauten Proben, den manchmal unkonzentrierten, wuseligen und quatschenden Kindern war keine Spur. Auf dieser Bühne saßen junge, talentierte Musiker, die mit den Augen an ihrer Dirigentin hingen und mit höchster Konzentration präsentiert haben, worauf wir die letzten Monate hingearbeitet haben!

Nach unserem Beitrag hatte die erste Reihe mit den Eltern, die uns begleitet haben, Tränen in den Augen, die Jury hat geklatscht (!) und die Kinder platzten fast vor Stolz und erzählten alle durcheinander von ihrem Auftritt!
Dass wir nach diesem gelungenen Tag bei der Abendveranstaltung für alle Teilnehmer, dem „Abend der Nationen“, dann inmitten von tausenden Menschen ordentlich gefeiert, ausgelassen Polonäse getanzt und laut gesungen haben, könnt ihr euch sicher vorstellen…

Sonntag Morgen muss man schon überpünktlich mit seiner Reisegruppe am Olympiastadion eintreffen, wenn man möchte, dass der eigene Bus dort einen Parkplatz findet. Mit vom Feiern noch ziemlich kleinen Augen sammeln sich dann Tausende Menschen mit Vereinsbannern, PomPoms, Plakaten und Krachmacher-Instrumenten vor der Halle und singen sich schon mal warm bis zum Einlass. Jeder Verein bzw. jedes Orchester sucht sich dann einen „Fan-Block“ in der riesigen Halle und schickt seinen Dirigenten nach unten zu den Extra-Sitzreihen vor der Bühne, auf der das Orchester des Vorabends dem johlenden Publikum nochmal so richtig einheizt bis die Veranstaltung beginnt. Nachdem die obligatorischen Danksagungen abgeschlossen sind, beginnt die eigentliche Preisverleihung. Kategorienweise werden die Platzierungen, Prädikate und Punktzahlen vorgelesen und die Dirigenten dürfen nach vorn kommen und ihre Urkunden in Empfang nehmen. Wie es bei großen Events so ist, dürfen auch die großen Laolas und Fangesänge natürlich nicht fehlen:

In den Momenten, in denen ich meine Spieler oben in mitten der ganzen Menschen aufgeregt mit unserem Berlin-Banner stehen sehen habe, hatte ich eine Gänsehaut am ganzen Körper und war einfach nur wahnsinnig glücklich und stolz, dass diese jungen Menschen, meine Schüler, diese einmalige Atmosphäre in der Musikwelt erleben durften. Menschen liegen sich in den Armen, jubeln und weinen vor Freude und sind alle gemeinsam Teil von etwas ganz Besonderem. Lange Zeit, darüber nachzudenken, hatte ich nicht, denn dann wurde schon unsere Kategorie vorgelesen. Ich trat nach vorne in die Schlange der Dirigenten und lauschte gespannt auf die Ergebnisse. Die von der Fachjury vergebenen Punkte von 0 bis 50 sind in 10er-Abteilungen nach Prädikaten gestaffelt: „mit Anerkennung“ (0-10), „gut“ (11-20), „sehr gut“ (21-30), „ausgezeichnet“ (31-40) und „hervorragend“ (41 bis 50). Vor der Abfahrt hatte ich auf ein „sehr gut“ gehofft, das entspricht in Schulnoten der 1 und ist ein durchaus erstrebenswertes Ziel für die Teilnahme am World Music Festival. Zu meiner großen Überraschung hat das Schülerorchester in seiner Kategorie den 2. Platz mit sagenhaften 37 Punkten und damit das Prädikat „ausgezeichnet“ erhalten!!! Kurz nach Bekanntgabe des Ergebnisses sprangen alle Spieler von ihren Plätzen auf und stürmten runter zu mir. Als ich sie alle so auf mich zu rennen sah, gab es auch bei mir kein Halten mehr und die Freudentränen liefen nur so, während ich alle 20 auf ein Mal in den Arm nahm und wir gemeinsam jubelten.

„Wir bitten jetzt nach vorne: die Kategorie Akkordeonensemble, Erwachsene, Oberstufe“ – oh Gott, das ist unsere Kategorie. Ich ging mit wackligen Knien nach vorne zu den anderen 14 Ensembleleitern, wir unterhielten uns, während die ersten Fotos der schon Genannten gemacht wurden und klatschten Beifall. Die Reihe der „sehr gut“s schien gar kein Ende zu nehmen. Meine Hände wurden eiskalt und schwitzig. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen und nahm unter den Jubelrufen des eigenen Vereins seine Urkunde entgegen. Es wurden immer weniger. Ich stand nach wie vor in der Reihe. „……32 Punkte…“ las die Frau am Mikro vor – na immerhin sind wir schon bei „ausgezeichnet“ angekommen. Die Punktzahlen stiegen und irgendwann hieß es „hervorragend“ für die wenigen, übrigen Leiter. Es existieren von diesem Moment fast nur Fotos von mir mit der Hand ungläubig vor dem Mund. Hatten sie uns etwa vergessen?! Und was dann passierte, werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Es geschah alles wie in Zeitlupe, dabei handelte es sich nur um wenige Sekunden. Meine Knie wurden weich, ich hatte das Gefühl, dass in der riesigen Halle nicht genug Luft sei, damit ich atmen konnte. Ich sagte immer wieder: „Oh Gott, mir ist schlecht, mir ist schlecht, ich kipp gleich um….“.
„Und der ERSTE PLATZ in der Oberstufe mit 43,6 Punkten, dem Prädikat „hervorragend“ und Pokal geht an……das Ensemble „conAmici“ aus Berlin unter der Leitung von Vivien M.!“
Tosender Applaus, mein Gesicht auf der Leinwand, 10.000 Menschen jubelten und ehe ich es begreifen konnte, stand ich ganz oben auf dem Siegertreppchen und hielt unter Tränen der Überwältigung den Pokal in Richtung unseres Fanblockes! Selbst als hinterher unzählige Menschen gratulierten und Fotos gemacht wurden, hatte ich es noch nicht wirklich begriffen. Sie hatten tatsächlich unseren Namen genannt, MEIN Ensemble, erster Preisträger dieses großen, internationalen Wettbewerbs – scheiße, ist das geil!!!

Foto: www.studio157.de

 

Auch heute, fast eine Woche nach dem großen Ereignis, kommen mir noch die Tränen, wenn ich Videos von der Preisverleihung, vom Queen-Hit „We are the Champions“ am Schluss und der emotionalen Spontan-Rede sehe, die ich am Sonntag Abend immer noch irgendwie kopflos bei unserer Siegesfeier in der Herberge gehalten habe. Es ist wirklich unfassbar und das Highlight 2013, das kann ich guten Gewissens jetzt schon sagen! Auch an dieser Stelle noch mal vielen, vielen Dank an alle Eltern, Fans und Freunde, die uns unterstützt haben, die zu unseren Konzerten kommen und die einfach immer für uns da sind. Ihr habt wesentlich zu unserem Erfolg beigetragen und wäre der Pokal nicht im Ganzen so atemberaubend schön, würde ich ihn in viele kleine Teile teilen und jedem eines abgeben. „We are the Champions“ – DANKE!

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

6 Kommentare zu „Mein Highlight 2013: World Music Festival“

  1. Hobby, Beruf, Berufung, bei dir ist das alles eins, dafür bewundere ich dich und ich kann nur immer wieder sagen (schreiben), wie großartig ich das finde. Aus jedem Satz spüre ich, wie sehr du das liebst, was du machst, dazu gratuliere ich dir – zu der wuderbaren Leistung natürlich auch!!!

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