Das kleine i: Gefahr der Faszination?

Letzte Woche ging es bei SternTV gleich eingangs um die Frage, ob bereits kleine Kinder Zugang zu Smartphones und Tablets haben sollten und inwiefern Apps & Co. die Entwicklung beeinflussen.
Zu Gast im Studio war Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff, der ganz rigoros die Meinung vertritt, dass neue Medien überhaupt nicht in Kinderhände gehören und dass genau diese „digital natives“, also Kinder, die in das digitale Zeitalter hineingeboren werden, später zu seinen Patienten zählen.
Medienpädagogin Luise Ludwig ist genau gegenteiliger Meinung. Sie sagt, es sei falsch, Kindern bewusst diese Geräte vorzuenthalten, die sich mittlerweile in fast jedem Haushalt befinden, denn was verboten wird, sei erst recht interessant.
Es entstand eine hitzige Diskussion über Vor- und Nachteile, bei der die beiden Gäste aber scheinbar völlig aneinander vorbei redeten. Er hatte die Frage so verstanden, ob man 2-Jährige bewusst einlernen sollte am iPad und sie dachte wohl, es ginge darum, ob man es den Kleinen absichtlich vorenthalten solle. Zwischendrin der zerrissene Hallaschka, dessen Tochter mit 1 Jahr versehentlich auf dem Smartphone ein Video gedreht hatte, und für den Herr Winterhoff nur ein verständnisloses Kopfschütteln mit hochgezogener Augenbraue übrig hatte. Der obligatorische Test direkt aus dem Kindergarten ergab, dass die größeren Kinder nicht von sich aus aufhören, wenn sie mit dem iPad beschäftigt sind. Bei den Kleineren sah das schon anders aus; die ersten verloren nach 5min das Interesse und widmeten sich wieder den Bauklötzen.
30min täglich hielt Frau Ludwig für eine vertretbare (gemeinsame) Nutzungszeit, auch schon für kleinere Kinder. Herr Winterhoff sprach mit einem angedeuteten Ich-habs-doch-gleich-gesagt-Lächeln von der „Gefahr der Faszination“ und er artikulierte die einzelnen Silben so langsam und deutlich, als seien sie hochgiftig. Autisten mit gestörter Kommunikation ohne soziale Kompetenz seien die Folge, wenn schon 2-Jährige auf dem harten, kalten und hässlichen (?) Gerät tippen und wischen.
Natürlich hat er zweifelsfrei recht, dass die Entwicklung in diesem Alter vorgesehen hat, einen Ball zu fühlen und zu erfahren, dass die Schwerkraft ein ziemlicher Idiot sein kann, wenn man bergab hinterherlaufen muss, aber es spricht doch nichts dagegen, den digitalen Ball zusätzlich zum analogen zu berühren und zu erfahren, wie er auf Englisch heißt. Als der Buchdruck erfunden war, hieß es sicher auch, dass Lesen schädlich sei und niemand mehr mit einem anderen spräche, so von wegen „gestörte Kommunikation“. Ganz zu schweigen von der Schreibmaschine – da kann ja irgendwann niemand mehr einen Stift halten beziehungsweise einen Buchstaben mit Hand zu Papier bringen!

Ich bin der Meinung, man darf den Kindern die virtuelle Welt nicht als Ersatz für die reale anbieten und sie mit den Geräten „ruhigstellen“. Aber wenn ein Kind doch im Buddelkasten Sandkuchen und Grassuppe gekocht, eine Puppe gefüttert, das Dreirad benutzt und ein Buch „gelesen“ hat, kann es ruhigen Gewissens eine Folge „Caillou“ im Fernsehen schauen oder ein paar Spiele auf dem iPhone spielen.
Auch ich bin übrigens sehr froh über die heutige Informationsgesellschaft mit Google, Youtube und die Sendung mit der Maus, die auf jede Kinderfrage eine zufriedenstellende Antwort parat haben.
Vor ein paar Tagen stellte mir Fiona morgens im Auto auf dem Weg zum Kindergarten nämlich genau die Frage, vor der ich seit 3 Jahren Angst habe. Nein, sie wollte nicht wissen, wer die Babys in den Bauch macht, sie wollte wissen, woher die Löcher im Käse kommen! Ich stammelte ein bisschen verlegen mit irgendwelchen Gasen um den heißen Käsebrei und verbrachte anschließend noch ein paar Minuten videoguckend mit ihr im Auto, obwohl wir schon vor dem Kindergarten standen (Bakterien im Herstellungsprozess produzieren Gasblasen, die dann von innen die Löcher in den Käse „bomben“, weil sie anders nicht raus können).

Der sichere Umgang mit Computer, Tablet & Co. ist in der heutigen Zeit eine Grundvoraussetzung, die so selbstverständlich ist, dass sie im Lebenslauf unter „besondere Fähigkeiten“ schon gar nicht mehr extra erwähnt wird. Wenn man also die Möglichkeit hat, von Klein-Auf den Umgang mit der Technik zu lernen, sollte man sie auch nutzen (lassen), finde ich.
Fiona, die seit etwa anderthalb Jahren ab und zu mein altes iPhone benutzt, weiß intuitiv, wie sie das Gerät bedienen muss. Ich achte natürlich genau darauf, welche Spiele installiert sind und suche die auch nach bestimmten Gesichtspunkten aus. Kinder in diesem Alter sind mitunter noch sehr eigen in ihrem Lernverhalten, so sucht sich Fiona selbst den Zeitpunkt aus, an dem sie etwas Neues wissen möchte. „Frontalunterricht“ à la „Das ist ein M, mit dem M schreibt man MAMA….“ fruchtet selten. Sucht sie sich aber gezielt die Buchstaben-App heraus, möchte sie genau das in dem Moment ausprobieren und erfahren und ist unendlich stolz, wenn sie es geschafft hat, einen Buchstaben alleine zu schreiben. Das Gelernte wandert von der Smartphone-App auf direktem Wege zum Ausprobieren auf das Papier auf ihrem Schreibtisch und von dort in meinen „Aufheben“-Ordner. Zwischen den ersten erkennbaren Zeichnungen und vielen Fotos finden sich da mittlerweile nun auch beschriebene Blätter mit „FIONA“, „MAMA“, „PAPA“ und „SASA“ (meine Mama) und das mit gerade mal Dreieinhalb!

Als Lehrerin bin ich natürlich begeistert von pädagogisch wertvollen Apps, mit denen sie nicht „nur“ spielt, sondern dabei auch etwas lernt. Memory spielen kann sie selbstverständlich auch auf dem Fußboden in ihrem Zimmer, dafür braucht man keine App, allerdings ist es auf dem Handy insofern sinnvoll, dass sie lernt, sich an die vorgegebenen Regeln zu halten, denn in der App werden die aufgedeckten Karten von allein wieder umgedreht, wenn man kein Paar gefunden hat 🙂 Als sie noch kleiner war, gefiel ihr die „SoundTouch“-App sehr gut, bei der man immer 12 kleine Bilder aus verschiedenen Bereichen sieht (Haustiere, wilde Tiere, Vögel, Fahrzeuge, Musikinstrumente, Haushalt) und beim Anwählen das jeweilige Geräusch hören kann. „Cut the Rope“ und „Wo ist mein Wasser?“ sind Strategiespiele, die logisches Denken voraussetzen (die mag Mama auch sehr gerne!). Nach dem Prinzip Trial & Error versucht Fiona solange, den richtigen Weg für das Wasser zu graben, bis es bei Krokodil „Swampy“ angekommen ist und er sich duschen kann. Die Apps aus der Reihe „Meine ersten Wörter“, von denen wir „Tiere“ und „Farben“ haben, lassen sich in verschiedenen Schwierigkeitsgraden spielen. Im ersten sieht man z.B. das Bild eines Tieres, darunter die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge „vorgeschrieben“ und unten durcheinander die einzelnen Buchstaben, die man mit dem Finger an die richtige Position im Wort ziehen kann. Im schwierigeren Modus fehlen dann die vorgezeichneten Buchstaben. Die beste App, die ich auch ohne Einschränkung jedem mit wissbegierigem Kindergartenkind empfehlen würde, heißt „Letter School“. Hier wird nicht nur gezeigt, wie die Buchstaben aussehen, sondern auch, wie man sie schreibt! Im ersten Modus tippt man nacheinander die Startpunkte des Buchstabens an und eine witzige Animation (Rennauto, Zuckerperlenkette, Raupe, o.ä.) fährt die Strecke nach, die man mit dem Stift schreiben würde. Der Buchstabe „S“ hat beispielsweise nur einen Startpunkt, weil er an einem Stück geschrieben wird, das „A“ hat drei Startpunkte: immer da, wo man beim Schreiben neu ansetzen würde. In der zweiten Stufe sieht man die Startpunkte und muss sie nicht nur antippen, sondern gedrückt halten und den richtigen Weg nachziehen und in der letzten Stufe soll der Buchstabe aus dem Kopf geschrieben werden, allerdings ebenfalls unter Beachtung der richtigen Reihenfolge der Linien. Die Beispiele sind zwar auf Englisch, aber in den meisten Fällen stimmen sie mit den deutschen überein: E is for elephant, M is for monster, etc.

Um nochmal auf die Sendung vom vergangenen Mittwoch zurückzukommen: ich fand es erstaunlich, dass knapp 60% der Leute Kindern unter 3 Jahren keines der Geräte in die Hand geben würden, auch nicht bei gemeinsamer und zeitlich begrenzter Nutzung.
Wie steht ihr dazu? Könnt ihr tolle Apps für Kinder empfehlen oder kommt euch dieses „Teufelszeug“ nicht ins Haus?
Ich bin jedenfalls gerade für lange Flugreisen oder Autofahrten, wie diese Woche wieder eine ansteht, sehr froh über den portablen DVD-Player und das iPhone!

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

7 Kommentare zu „Das kleine i: Gefahr der Faszination?“

  1. Hallo Vivi,

    ich selbst habe zwar noch keine Kinder, aber ich würde sie auf jeden Fall mit der Technik in Berührung kommen lassen. In dem Alter ist es doch gerade von Vorteil, dass keine Berührungsängste exisiteren und Kinder drauf los probieren. Als Erwachsener hat man doch bei neuen Geräten schon eher die Befürchtung, etwas kaputt zu machen. Und wenn man selbst dabei ist, kann doch eigentlich nichts passieren.

    Liebe Grüße
    Danni

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  2. Ich habe deinen Artikel vorhin auf FB gesehen als ich gerade stillte und ärgere mich gerade darüber, die Sendung nicht gesehen zu haben. Vielleicht hätte ich endlich verstanden, warum Iphones, Fernseher und Co so böse sind? 🙂

    Wir halten das ja sehr ähnlich wie du und lassen sie ausprobieren und hier und da ein bisschen spielen. Ich finde da nichts dabei und das, wo ich sonst eher dazu neige überzubehüten. 😉 Ich war aber auch nie ein Freund von Torte am 1. Geburtstag, weil gefeiert werden muss, dass das Kind endlich Zucker essen darf. Es gibt für alles einen individuellen (Start-)Zeitpunkt und der ist total kindabhängig (oder abhängig vom größeren Geschwisterkind) und wichtig ist für mich überall ein gesundes Maß. Ich durfte als Kind übrigens nur ganz ganz selten fernsehen und der Fernseher war mit einer Zahlenkombination geschützt. Das führte dazu, dass wir – sobald meine Mutter aus dem Haus war – sämtlichen Zahlen zwischen 0 und 9999 durchgingen und versuchten, den Code zu lösen. 😛 Jetzt bin ich vom Thema abgekommen, aber ich wollte eigentlich nur sagen „ich bin bei dir“ und „Letter School, genau“, das ist mir letztens nicht eingefallen, als ich es gesucht habe. 🙂

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  3. Hallo,

    ich finde, vorenthalten kann man die neuen Medien den Kindern heutzutage sehr schwer. Zuhause ist dies vllt noch möglich, aber in den Geschäften, Schulen und so weiter wird es schon schwieriger.

    Viel wichtiger finde ich die Dosis. War in den 30 Min nur der Ipad enthalten oder bezog sich das auf die gesamte Medienzeit? Das ist ja dann auch der Punkt, ab nem gewissen Alter sind 30 Min Medienzeit ok. Aber bei vielen bleibt`s ja nicht. Dann gibt es 30 Min TV, dann hier nochmal 5 Min Ipad, beim Warten beim Arzt vllt noch das Iphone.

    Aber du hast Recht, solange es ausgewogen ist und die Kinder noch den Sandkasten, Bilderbücher und das freie Spiel kennen, so ist die Mediennutzung schon im jungen Alter vertetbar. 🙂

    LG

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  4. Klasse Beitrag! Die heutige Gesellschaft ist digital aufgebaut, und ich finde es
    Blödsind, das den Kindern vorenthalten zu wollen. Natürlich sollte man sie nicht einfach vor die Glotze setzen oder vor das iPhone oder was auch immer. Aber gerade das Smartphone funktioniert intuitiv, so dass eben halt nicht nur wir 30-Jährige, sondern schon Zwei- oder Dreijährige es lieben. Wer weiss, bis in zehn Jahren wird es völlig natürlich und normal sein, dass die Kinder ihre Schulbücher nur noch auf dem Kindle lesen und Recherchen direkt auf dem iPad (im Unterricht!) machen. Lernen, so wie wir es gekannt haben, ist eh dem Wandel und der Moderne unterworfen. Als ich studiert habe, herrschte während eines Seminars jeweils Stille und Aufmerksamkeit. Eine Freundin von mir, die jetzt studiert, hat mir erzähl, dass mittlerweile sicher die Hälfte der Studis während des Seminars mit dem Smartphone surft, E-Mails bearbeitet etc. Hätte es zu „meiner Zeit“ (dabei bin ich erst 36!) nie gegeben. Und heute ist es eben Realität. Deshalb mein Statement: Das ist absoluter Käse und debil, was da der Herr Winterhoff von sich gibt. Ich muss dazu noch sagen: Ich selbst arbeite in der Medienbranche und beobachte ganz genau, wie sich Internet, iPhone etc. auf unser Leseverhalten auswirken.
    Die Buchstaben-App muss ich unbedingt runterladen, danke für den Tipp!

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  5. Als Technikfreunde lassen wir natürlich unser Kind auch ans iPad. Auch. Nicht ausschliesslich, und nicht als Ersatz für irgendwas. Ein normaler Umgang, bei dem die Kleine das Gerät als etwas Nützliches sieht, das man nicht dauernd braucht, ist unser Ziel.

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  6. Neuer Versuch 🙂 Ich finde, jedes Extrem ist schwierig und könnte mir vorstellen, Kinder, die in der heutigen Welt und Zeit gar keinen Zugang zu den neuen Medien haben, die könnten auch auf der Couch landen. Schlimm finde ich, wenn ein Kind vor dem TV geparkt wird, weil es für die Eltern einfacher ist (kenne ich leder auch).

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