Du bist was du fährst

Dass Menschen ihren Hunden meist ähnlich sehen, bzw. sie also unterbewusst beim Kauf des Tieres nach sich selbst suchen, kennt man ja schon. Vor ein paar Tagen ist uns im Tierpark auch ein Prachtexemplar eines solchen Paares begegnet. Aber was hat das mit Autos zu tun?

Aus gegebenem Anlass ist heute Morgen auf den Straßen von Berlin die Idee zu diesem Post entstanden, denn beim Rundum-Scan durch die unruhig mit dem Gas spielenden Autos an der roten Ampel ist mir ein Mal mehr aufgefallen, wie ähnlich in der Gesamtheit Autofahrer ihren Fahrzeugen sind.

Kleine, süße Japaner, bei denen das Leben auf der Straße in den letzten 15 Jahren sichtliche Spuren hinterlassen hat, werden meistens von sehr jungen Menschen gefahren, was der ABI-2012-Aufkleber auf der Heckscheibe oft bestätigt. Sie sind klein, kompakt, ein bisschen unerfahren und voller Lebensenergie, genau wie ihre jugendlichen Fahrer. „Ich war jung und …äh…brauchte das Geld für was anderes….“ 🙂

Den Franzosen geht es wie damals den gepuderten Perückenträgern im Barock: außen hui, innen pfui. Mein erstes Auto, ein heißgeliebter Peugeot 206 mit schlankem Gesicht, wunderschönen Katzenaugen und rundem Apfelpo, war für mich damals optisch der große Wurf, aber wenn ich allein die Enddarm-Operationen zähle, die er an seinem Auspuff in unseren gemeinsamen 5 Jahren hatte, ist an dem gängigen Vorurteil über französische „Wertarbeit“ vielleicht doch etwas dran. Über Citroen kann ich nichts sagen, freue mich nur immer hämisch über die Fahrer, wenn sie erwähnen, welches Auto sie haben. Vielleicht gibt es „Zitröhn“ ja bald als neue Sorte im Eisladen…

Deutsche Mittelklasse-Autos wie Fords, Opels oder VWs werden in der Regel von Menschen gefahren, denen nicht soo wichtig ist, wie ihr Auto aussieht, solange es fährt. Mit deutscher Gründlichkeit gebaut, leisten sie ihren „Herrchen“ oder „Frauchen“ oftmals viele Jahre treue Dienste, bis dann eines Tages auf der Autobahn, kurz bevor man das begehrte H-Kennzeichen ergattern könnte, die Räder winkend an einem vorbeirollen…
Oft sind es sogar die Leute, die sich durchaus auch einen teureren Wagen leisten könnten, das aber nicht tun, weil sie ihr Auto nicht als Prestigeobjekt sehen, sondern als praktischen Kumpel vor der Tür, der einen täglich begleitet, ein Gebrauchsgegenstand im Understatement. In meinem Fall war für die Auswahl des Fahrzeuges (VW Golf Variant) übrigens nur ausschlaggebend, ob 8 Schülerakkordeons problemlos in den Kofferraum passen. Damit tat sich der darmkranke Peugeot ein bisschen schwer („Koffer-was?“)…

Italiener müssen im Straßenverkehr besonders eines sein: schnell! Wer in Italien schon mal Auto gefahren ist, der wird wissen, was ich meine. „Rechts vor Links“ scheint da bloß ein grober Vorschlag zu sein. in Italiens Großstädten herrscht eine wahre Kindergartenmentalität: wer am lautesten hupt, hat am meisten recht. Und wer zuerst fährt, fährt zuerst. Bumms. Das Dreirad mit Motor, die berühmte italienische Ape, ist der beste Beweis für die Wendigkeit, die ein Italiener haben sollte. Und ich bin mir sicher, wenn wir nicht hingucken, fährt sie an der Seite Flügel aus und hebt einfach ab. Phonetisch hübsch-sinnliche Marken wie Lancia oder Alfa Romeo sind vermutlich ideale Autos für hektische Menschen mit Hummeln im Hintern und notorische Zuspätkommer. Und der gegen die anderen Markennamen ein bisschen plumpe „Fiat“ ist wahrscheinlich der Versuch, Deutsch zu sprechen und das Verb „fahren“ zu konjugieren: er/sie/es fiat.

Ein paar Vertreter der deutschen Upper-Middle-Class, also AUDI, Mercedes und BMW wollen dem Fahrer – und das ist jetzt subjektiv und spekulativ – nur eines sichern: die linke Spur auf der Autobahn. Wie sang der schwäbische Lokalpatriot Wolle Kriwanek so schön und aus vollster Kehle? „I fohr Daimler, d’Stroß g’hert mir…“
Running Gag vor vielen Jahren war es, Abkürzungen von Automarken kreativ zu entschlüsseln. Bei BMW sagte man „Bring mich Werkstatt“ und freute sich wie ein Schneekönig darüber. Sicher sind die Autos der Upper-Middle-Class nicht nur besonders teuer, sondern auch besonders sportlich, schnell und zuverlässig, aber was bringt mir ein dicker Schlitten mit allerhand Schnickschnack, wenn ich mit ihm und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 25km/h im Stadtverkehr von Ampel zu Ampel gurke, während sich ein windschnittiger Italiener in jede Lücke drängelt? Dass ich beim Warten wenigstens bequem sitze…? An den Geschichten vom Auto des Mannes als Phallus-Symbol ist vielleicht auch etwas dran, wer weiß. Wer sich so ein Symbol in die Garage stellen möchte und kann, der soll das gerne tun, aber dann bitte nicht bei jedem Kratzer weinen, ok? 😉

Auf die richtige Upper-Class, bei der ich nicht mal die klangvollen Namen der Autos aus dem Gedächtnis fehlerfrei aufschreiben kann, verzichte ich an dieser Stelle, denn auf den Straßen begegnen die mir selten bis nie. Einzig der Hummer wird ab und zu im Stadtbezirk spazieren geführt. So breit wie er ist und so viel wie er „frisst“, frage ich mich allerdings, warum man ihn nicht „Whale“ getauft hat, wäre passender. Überholen kann der Hummer übrigens, in dem er einfach über das Plankton, also die ganzen anderen Autos, drüber weg fährt. Und zack, schon wieder Erster an der Ampel…

Zwei Extreme verdienen in dieser Aufzählung einen Extraplatz: der Jeep und der Smart.
Wer nicht gerade geführte Schlammtouren an der Nordsee oder Schwarzwaldrallyes zu seinen Hobbys zählt, sondern einen Jeep in der Stadt fährt, weil es sich so nach Abenteuer anfühlt, ist zumindest mal bestens vorbereitet, falls das kleine putzige Säbelzahneichhörnchen aus Ice Age irgendwann mal wieder versehentlich am Erdkern schraubt und sich die Platten so verschieben, dass Berlin plötzlich Gebirge hat. Mein Papa fuhr übrigens mal einen, aber die verdammten Berge kamen einfach nicht!
Smarts, diese kleinen praktischen Einkaufswägen, die man notfalls mal schnell seitlich mit der Hüfte zum Parken in einen Fahrradständer schieben kann, sieht man hier gerade wie Sand am Meer. Letztens begegnete mir einer von der Autovermietung mit der Aufschrift: „Car 2 Go“. Ob sie da so genau darüber nachgedacht haben, was der Slogan aussagt? Gestern stand an der Ampel einer vor mir mit dem Kennzeichen H-OS, denn viel größer als eine Hose ist er tatsächlich nicht ^^ Die Krönung war aber Fiona, die, nachdem ein Smart an ihr vorbeigefahren ist, laut lachte und mich fragte: „Hahaha, Mama, was war denn das für ein Auto?!“

Ich glaube, jeder, der eins hat, wird sein Auto zu schätzen wissen, ihm ggf. sogar einen liebevollen Namen geben und über die kleinen Eigenheiten oder Schwachstellen großzügig hinwegsehen. Denn 4 Räder sind in jedem Fall besser als keins! Bei manchen Autos allerdings, die es in die Top 25 der hässlichsten Autos weltweit geschafft haben, fragt man sich wirklich, ob ein Fahrrad nicht die bessere Alternative gewesen wäre. Autobild urteilt mit den Worten „Was ist das – eine gecrashte Seilbahnkabine? Ein Bügeleisen für Asphalt?“ und hat damit beim Partymobil Honda Fuya-Jo nicht wirklich unrecht. Diese Galerie ist wirklich sehenswert. Und ich hoffe, spätestens da gibt es zwischen Mensch und Auto keine Ähnlichkeiten mehr….

auf der Straße gesehen – hier liebt wohl jemand sein Auto…ähm, im übertragenen Sinne.

Was fahrt ihr und seid/wart ihr euren Autos auch irgendwie ähnlich in Aussehen oder Eigenschaften?
Ich freue mich auf Meinungen!

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

3 Kommentare zu „Du bist was du fährst“

  1. Liebe Viv, ich komme erst heute zum Kommentieren, da ich mir für deine Posts immer eine Extra-Minute zum Lesen einplane 🙂 Wieder mal durfte ich sehr schmunzeln, dafür danke ich dir.
    Kennst du die roten „Vier-Räder“, die du überall an der Nordsee mieten kannst, quasi ein Fahrrad für mehrere Personen, mit Lenkrad und eben vier Rädern dran? Paddy hat vor Jahren mal ein Foto aufgenommen, auf dem ich voller Stolz solch ein Ding steure. Er lacht noch heute Tränen über dieses Foto und ist der absoluten Überzeugung, es gäbe kein „Auto“, das besser zu mir passen würde 🙂

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