Was ich nicht wüsste…

…wenn ich nicht Mama geworden wäre.
 
Heute gibt es hier mal etwas ganz anderes zu lesen als sonst. Vielleicht ist es der drohende Winter, der sich in Form von hübschen Eiskristallen auf die Bäume und in Form von hartnäckigen Schollen auf die Autoscheibe gelegt hat, die besinnliche Zeit, die sich unübersehbar als beleuchtete Schneeflockenkette an den Laternen entlang hangelt oder vielleicht sind es auch die Schokoweihnachtsmänner, die einen Hand in Hand mit Lebkuchensternen und Marzipankartoffeln aus jedem Regal anlachen… Beim sentimentalen Nachdenken über das Leben in den letzten 3 Jahren entschied ich mich, ein bisschen aus unserer Welt in Worte zu fassen und einfach mal „Danke“ zu sagen. 
 
 
Liebe Fiona,
 
bevor es dich gab, wusste ich nicht, dass der Schmerz eines anderen sich so anfühlen könnte, als wäre es mein eigener:
angefangen beim Pieks in deinen Babyfuß bei der U2 im Krankenhaus über eingeklemmte Finger, 40 Grad Fieber bis hin zum Verlieren eines kleinen, ideell-wertvollen Kettenanhängers.
Ich wusste nicht, dass ein zotteliger Kuschelhase ein Mal die Welt bedeuten würde.
Für dich und für mich.
Ich wusste nicht, dass der Geruch des eigenen Babys der schönste der Welt ist und mich ein Leben lang begleiten wird.
Ich wusste nicht, dass alle Gläschenmenüs im Grunde schmecken wie Mehl mit Wasser – egal, wer dafür mit seinem Namen steht – und ich wusste auch nicht, wer oder was Pastinake ist. Du wolltest es übrigens auch nicht wissen.
Ich wusste nicht, dass es im Körper einer Frau einen Muskel gibt, den man nach der Geburt mit einer Übung namens „Fahrstuhlfahren“ trainieren muss, um später keine inkontinenten Ausfälle beim Husten zu haben.
Ich wusste auch nicht, dass ich mal aus meinem Lieblingsbuchladen gehen würde mit nichts außer Kinderbüchern unterm Arm.
Ich wusste nicht, dass kindliche Stoffwechselendprodukte mich in verstopften Zeiten mal zu ekstatischem Applaus, Jubelgesängen und Belohnungsstempeln veranlassen würden.
Ich wusste außerdem nicht, dass „bunt“ mal meine Lieblingsfarbe werden würde.
Ich wusste nicht, dass ich mal an einer Kindergartentür stehen und heimlich sehnsuchtsvoll durchs Schlüsselloch gucken würde.
Ich kannte nicht das schmerzhafte Gefühl von Legosteinen unter der Fußsohle und des auf-die-Lippe-gebissenen, unterdrückten Schreis beim nächtlichen Darauftreten.
Ich kannte nicht das Glück, wenn sich zwei kleine Arme um den Hals legen und meinen Kopf fest an sich drücken, bis ich kaum noch Luft bekomme.
Ich kannte auch nicht das wohlige Gefühl, wenn mitten in der Nacht eine liebe Stimme fragt „Darf ich in dein Bett?“ und sich dann ein kleiner warmer Kinderkörper mit Eisfüßen perfekt an den eigenen Körper schmiegt und nochmal einschläft.
Ich wusste nicht, dass Pinguine am Südpol leben und ein Walhai so groß ist wie ein Schulbus.
Ich wusste nicht, dass ich jeden Abend vor dem Schlafengehen an dein Bett kommen, dich auf die Wange küssen und dir einen Moment glücklich beim Schlafen zuschauen würde.
Ich wusste nicht, dass ich mal Blätter, Eicheln, Steine und Kastanien sammeln und damit vor meinem geistigen Auge mit dir schon witzige Monster, bunte Käfer und Stockmännchen basteln würde.
Ich wusste nicht, dass Bus- und Bahnfahren wieder so viel Spaß machen kann.
Ich wusste nicht, dass ich mit dir zusammen aus Couchkissen und Decken mal Kamele bauen und auf ihnen reiten würde.
Ich wusste nicht, dass ich mal stolz und staunend zuhören würde, wie du ganz aufgeregt und mit großen Augen vom Puppentheater, der gestohlenen Krone und dem Stachelschwein erzählen würdest, was eigentlich ein Igel war.
Ich wusste nicht, dass eine abstrakte Zeichnung mit Nase an der Stirn und Beinen am Kinn mal das wertvollste Portrait von mir werden würde.
Ich wusste nicht, dass ich mal eine Jahreskarte für den Berliner Tierpark besitzen würde.
Ich wusste nicht, dass ich mal ein Fläschchen mit „unsichtbarer Hasi-Milch“ füllen und deinem Kuscheltier zum Trinken geben würde, weil du nicht schlafen kannst, wenn Hasi Durst hat.
Ich wusste nicht, dass ich mal lautstark mit dir zusammen Ballermannhits wie „Das rote Pferd“ gröhlen und riesigen Spaß dabei haben würde.
Ich wusste nicht, dass ich die Erinnerung an Ereignisse mal an deinem jeweiligen Alter festmachen würde.
Ich wusste nicht, dass der perfekte Sonntag ein Mal aus Sendung mit der Maus, Lego Eisenbahn und Salzteig bestehen könnte.
Ich wusste nicht mehr, dass dem bunten Regenbogen ein ganz besonderer Zauber innewohnt.
Ich wusste nicht mehr, wie schön es ist, den Schirmchen der Pusteblume beim Fliegen zuzusehen.
Ich wusste nicht, dass die schönste Musik in meinen Ohren mal der Klang deines Lachens sein würde.
Ich wusste auch nicht mehr, dass jede Seifenblase ein kleines Wunder ist.
Ich wusste auch nicht, dass ich mal Stücke pinken Affenstoffes mittels einer Nähmaschine sinnvoll miteinander in Verbindung bringen kann.
Und ich wusste nicht, dass ich deswegen mal die 500.000€-Frage bei Günther Jauch nach dem „Hotelverschluss“ jokerlos beantworten können würde. Leider nur zu Hause auf dem Sofa.
Ich wusste nicht, dass ich mal wissen wollen würde, wer dem Maulwurf auf den Kopf gemacht hat.
Ich wusste nicht, dass ich mich mal in ein Känguruh, eine Maus und einen Storch verhexen lassen und mich in der jeweiligen Gangart durch das Zimmer bewegen würde, begleitet von deinem Lachen.
Ich wusste nicht, dass meine Königsdisziplin am Frühstückstisch mal werden würde, das Gelbe aus dem gekochten Ei zu entfernen, ohne dass das Weiße dabei in tausend Teile zerfällt, denn du magst kein Eigelb.
Ich wusste auch nicht, dass ich aus einer Scheibe Toast, Käse und einem bisschen Obst Gesichter auf dein Brett und ein Lächeln in dein Gesicht zaubern würde.
Ich wusste nicht mehr, dass die Welt voller Wunder ist: der Raureif auf der Wiese, der Regentropfen am Blatt, die Raupe und der Schmetterling, die Richtungspfeile auf der Straße, der Vampir auf der Werbetafel und der Strohhalm, der seine Farbe verändern kann.
 
 
Obwohl ich mit 25 Jahren noch nicht soo lange zu den „Großen“ gehöre, hatte ich nicht bemerkt, wie schön die Welt eigentlich ist, bevor ich sie durch deine Augen sehen durfte. Jeden Tag.
 
Und vor allem kannte ich nicht das schönste, das liebevollste, das wichtigste Wort auf der Welt:
MAMA“.
 
 
Ich liebe dich!
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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

14 Kommentare zu „Was ich nicht wüsste…“

  1. Hach ist das schön!!! Druck's aus, leg's in ein Umschlag und hebe das mal für später auf. Ob der 18. Geburtstag oder die Ankündigung, dass du Oma wirst, Deine Zeilensind eine wunderschöne Ode an Fiona. *Tränenwegwisch*
    Einfach toll geschrieben!
    Liebe Grüße, Jill

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  2. Bin zu Tränen gerührt. So viele schöne und doch wahre Worte. Und in vielem finde ich mich wieder.

    Ausdrucken und in eine Erinnerungskiste packen, halte ich übrigens auch für eine gute Idee. 😉

    Habt einen guten Start in die Woche!

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