Reise in die Vergangenheit

Die Sprücheparade von der Testfamilie startet in eine neue Runde und ich bin auch mal wieder mit dabei – das Thema lautet „Vergissmeinnicht“. Es geht dabei nicht um die gleichnamigen Blümchen, sondern um die schöne (aber ausgestorbene?) Tradition der Poesiealben; gesponsert wird übrigens von couponsearch. Ich möchte mich an dieser Stelle schon im Vorfeld bei Eva für das tolle Motto bedanken, denn es hat mir erstens beim Suchen witzige Funde auf Dachboden und Wintergarten meiner Eltern beschert und zweitens durfte ich mit Hilfe der Bücher weit in die Vergangenheit reisen und ungeahnte Schätze entdecken. Wer jetzt meint, ich übertreibe maßlos, nur weil ich mein Büchlein mit „uralten“ Versen von 1995 gefunden habe, der irrt. Ich stelle euch heute etwas ganz Besonderes vor, nämlich die Poesie von sage und schreibe  4 Generationen!

Steigt ein, schnallt euch an und dann reisen wir zusammen ein ganzes Stück zurück….

Auf dem hintersten Buch, dem Buch meiner Oma, steht nicht etwa „Ponfin“, wie man meinen könnte, sondern „Poesie“. Diese Schrift nennt sich „Sütterlin“ und war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die gängige Schulausgangsschrift. Als meine Mama es aufschlug und die ersten Seiten durchblätterte, rief sie mir zu: „Das kannst du bestimmt gar nicht lesen!“ Ich rief zurück: „Klar, kann ich das lesen!“. Ich erwartete die altdeutsche Schrift, die zwar ein bisschen experimenteller aussieht, als unsere Schreibschrift, man sie aber dennoch mit einem bisschen Phantasie und gutem Willen lesen kann. Aber was mir dann aus dem Buch entgegenblickte, war nicht das, was ich gedacht hatte. Es waren gemalte Zeichen, ein bisschen wie verschlüsselte Botschaften, bei denen man nicht sicher ist, ob es wirklich Buchstaben sind, die dort stehen. Ich erriet eine handvoll Wörter (davon die Hälfte noch falsch ^^) und ließ mich resignierend über die Sütterlinschrift aufklären und die Verse von meiner Mama übersetzen. Dieses kleine, von den Jahrzehnten grau gefärbte, Büchlein ist von vorne bis hinten voll mit „Zeugenaussagen“ einer fast vergessenen Zeit. Bunte, damals sehr wertvolle Lackbilder zieren die mittlerweile vergilbten Seiten und in elegant-verschörkelter Schrift steht eine magische Jahreszahl zwischen 1939 und 1941 unter jedem Eintrag. Das Gefühl, dass ich über 70 Jahre später die Seiten berühren kann, auf denen die Menschen im Zweiten Weltkrieg ihre Zeilen zu Papier gebracht haben, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Viele von ihnen sind entweder heute sehr, sehr alt oder sogar schon gar nicht mehr am Leben. Der Geruch, die Schrift, die Bilder und die Worte rühren mich zu Tränen, wenn mir bewusst wird, wie wertvoll dieses Buch ist und auch in Zukunft für meine Kinder und deren Kinder noch sein wird. Interessant ist, was sich die Mehrzahl der Schulfreundinnen meiner Oma für Verse ausgesucht haben. Da ist noch lange nicht die Rede von „In allen 4 Ecken soll Liebe drin stecken“ oder anderem belanglosen Blabla. Die Achtung vor den Eltern und der Gehorsam des Kindes stehen bei nahezu jedem Spruch im Mittelpunkt. Stellvertretend zeige ich euch den Eintrag meiner Uroma vom März 1939. Ihre Tochter – meine Oma – war damals gerade erst 8 Jahre alt.

„Sei folgsam, Kind, und zög’re nicht,
wenn Vater oder Mutter spricht!
Die Eltern sollst du herzlich lieben,
durch Ungehorsam nie betrüben!
Dieses schrieb Dir zum Andenken
Deine Mutti“

Wirklich schön und nach wie vor aktuell ist der Vers eines Lehrers, der zusammen mit meinem Uropa als Einziger unsere lateinische Schrift benutzt hat: „Kämpfe und erring‘ Dir eig’nen Wert, hausbacken Brot am Besten nährt.“. Dieser Spruch existiert heute in etwas anderer Form (aus Kohlenhydraten wurde Eiweiß), hat aber an Aktualität nichts verloren: „If you give a man a fish, you’ll feed him for a day. If you teach a man how to fish, you’ll feed him for a lifetime.“

Mit Hilfe der Wikipedia-Seite über die Sütterlinschrift und dem dort abgebildeten ABC konnte ich sogar Vieles aus dem Buch von Deutsch nach Deutsch „übersetzen“. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen…. Ihr dürft euch auch gerne mal am Übersetzen probieren:
(P.S. Textfragmente bei Google eingeben wird euch vermutlich nicht helfen. Zu alt 😉

Lustig ist auch die Veränderung der Namen über die Generationen. Hießen sie bei meiner Oma noch Erika, Gisela, Elsbeth, Ingeborg und Hildegard (Poesiealben sind wohl schon immer Mädchensache gewesen), schrieben bei meiner Mama vorwiegend Monikas, Petras, Brigitten, Margits, Renaten und Angelikas ein. Damit sind wir schon bei der zweiten Generation angekommen. Anfang der 60er Jahre, die DDR war in vollem Gange, schrieb man – nun auch für mich – lesbar und klebte ebenfalls hübsche Lackbilder ein. An denen kann ein Ungeübter die 25 Jahre Unterschied absolut nicht erkennen (Blumen waren immer „in“), wohl aber am Inhalt der kleinen Verse. Vater/Mutter aus den 30ern haben Platz gemacht für ein bisschen Politik:
„Wer mit dem Leben spielt, kommt nie zurecht. Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht!“ (Februar 1961) oder auch harmlose, absolut unpolitische Regentropfen, die in vielen Jahren an’s Fenster klopfen und Grüße überbringen (Moment – war es die, die einen Stasi-Mann geheiratet hat? Dann waren die klopfenden Tropfen vielleicht doch nicht so unpolitisch….)
Die hübschen Lackbilder wurden getauscht, gesammelt und gehortet. In den 60ern war die Auswahl nicht sooo groß. Es gab Blumen. Viele Blumen. Rote Blumen, blaue Blumen, weiße Blumen, gelbe Blumen. Und Fachwerkhäuser. Bombastisch für eine 10-Jährige, die viel lieber die Schätze aus Mamas Album besessen hätte: fliegende Tauben, niedliche Schulkinder, Engel und selbst die Blumen waren schöner!
Wenn dann doch mal ein außergewöhnliches Bild im Album klebte, war es entweder ein Überbleibsel von den Mamas der Schulfreundinnen (li.) oder aus dem Westen (re.).

Kommen wir zur 3. Generation: zu meiner Zeit, in den 90er Jahren, kannte man Poesiealben zwar noch, viel cooler waren dann aber Stickeralben (haben die guten, alten Lackbilder abgelöst) und Freundebücher. Zu Zeiten von Backstreet-Wahn (waaaaaahh, ein überlebensgroßer Starschnitt von Nick in der BRAVO *augenroll*) und Diddl-Mania musste jeder ein Buch mit dem klumpfüßigen Mäuse-Kanguruh drauf haben und durch die Reihen der Mitschüler reichen, vorzugsweise direkt im Unterricht. Hier brauchte man nicht mehr selbst kreativ werden, sondern konnte einfach einen Fragebogen ausfüllen und damit hatte sich das. Da wurde dann auch schon mal ein Vierteljahr später das Buch erneut verlangt, damit man die Lieblingsband aktualisieren konnte. Irgendwann waren auch Nick, AJ, Brian & Co. irgendwie schwul statt megasüß ^^

Trotz des Freundebuches besaß ich tatsächlich noch ein Poesiealbum, in das ich allerdings nur Lehrer und Erzieher schreiben ließ – haha. Ich fand das Buch so schön und hatte Angst, dass gleichaltrige Kinder es verunstalten würden, glänzte meine Klasse im Bereich „Schönschrift“ ja nicht sonderlich, wenn ich da vor allem an die Jungs zurückdenke…
Eine Lehrerin zitierte Tucholsky: „Der Vorteil der Klugheit ist, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“ Wahrscheinlich hatte sie damals schon erkannt, dass mein zeitweises, mathematisches Unvermögen ausschließlich auf dem Verbergen der eigentlichen Fähigkeiten beruhte ^^

Wenn dann doch mal ein Kind einschrieb (ok, die große Schwester einer Klassenkameradin), hatten Politik und Patriarchat da nichts mehr zu suchen. Man schrieb entweder Banales, wie „Lebe glücklich, lebe froh, wie der Floh in Mexiko“ oder Schulsprüche wie „Algebra, Physik, Chemie mancher denkt, er lernt es nie! Aber mancher, der das dachte, später doch Karriere machte!“. Da war nichts mehr zu spüren vom Wind of Change oder gar dem Rohrstock im Unterricht… Und auch wenn man’s nicht glauben mag – poetisch waren wir allemal, nur eben nicht vorrangig im Poesiealbum. Man schrieb dem Angebeten (der leider gerade mit der besten Freundin „zusammen“ war – blöd) Geraspeltes wie „Wärst du eine Träne von mir, ich würde nie mehr weinen, aus Angst, dich zu verlieren“ im Liebesbrief oder per Liebesmail, nur um 10min später in eben diese Tränen auszubrechen, weil er noch nicht geantwortet hat (hatte die Zunge vermutlich gerade im Mund der Freundin! Multitasking und so) Ja, ja, so war das mit den 90s-Kids 😉

Ob die 4. Generation überhaupt noch weiß, was ein Poesiealbum ist, geschweige denn, ein eigenes besitzen wird, sei mal dahingestellt. In Zeiten der Social Media, wo Freundschaft, Liebe, Hass und andere Kommunikation hauptsächlich über Facebook, Twitter und diverse andere Netzwerke stattfindet, wie viel Wert hat da noch ein handgeschriebenes Büchlein? Ist das so oldschool, dass es niemand mehr machen wird (Was ist eigentlich Po-esie? Was Versautes?) oder erfährt es irgendwann eine Renaissance? Statt der Lackbilder schickt man mal schnell als Gruppennachricht ein witziges Bild rum – wer will kann es sich ja selber ausdrucken und irgendwo hinkleben… Wie persönlich ist denn das „Happy birthday“ im Netz, nicht, weil man weiß, wann die Freunde Geburtstag haben, sondern weil das Netzwerk blinkt und einen daran erinnert?
In vielen, vielen Jahren, wenn Schulzeit, Ausbildung oder Studium längst hinter unseren „Babys“ liegen, scrollen sie sich dann online durch ihre Nachrichten und denken: „Ach, war das eine schöne Zeit! Was die wohl gerade macht? Ob sie Kinder hat? Verheiratet ist?“? Im Zweifel müssten sie das nicht mal erfragen, sondern könnten einfach auf deren Chronik vorbei gucken und das Hochzeitsbild liken ^^

Die Schönheit mancher Verse erschließt sich einem mitunter erst viele Jahre später. So ist es auch mit diesem, den ich meiner Tochter mit auf den Weg geben würde, sollten Poesiealben tatsächlich ein Revival erfahren:

„Wenn deine Augen dieses lesen,
so reich im Geiste mir die Hand.
Es ist doch wunderschön gewesen,
wie wir als Kinder uns gekannt.“

Wenn Fiona größer ist und unseren Poesiebücher-Schatz mal zu sehen bekommt, wird sie sicher auch eines haben wollen (hoffentlich!). Derzeit besitzt sie ein vollständig ausgefülltes Kindergartenfreundebuch. Muss das in dem Alter schon sein? Nee, muss überhaupt nicht. Aber mal ehrlich, könnt ihr euch an alle erinnern, die mit euch zusammen im Kindergarten waren? Meine vollständige Erinnerung beginnt erst mit der Schulzeit. Und auch wenn es nicht die Kinder ausgefüllt haben, sondern die Eltern, ist es in ein paar Jahren sicher sehr süß, wenn man zusammen die Fotos und abstrakten Zeichnungen der anderen Gruppenkinder angucken kann. Und in 20 Jahren erst – „na, erinnerst du dich noch an den? Der hat doch immer gehauen. Jetzt arbeitet er auf der Bank…“

Schon allein die Tatsache, dass man mit knapp 3 Jahren „Sahne“ als sein Lieblingsessen angibt, ist es wert, im Kindergartenalter schon ein erstes Erinnerungsbuch zu starten.
Es heißt ja, mit dem Alter wird man wieder Kind. Vielleicht sollte ich mal meine Oma nach ihren Lieblingsspeisen fragen. Wenn die dann „Sahne“ sagt, lach ich aber 🙂

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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

15 Kommentare zu „Reise in die Vergangenheit“

  1. Oh wie toll.
    Zu dem Thema muss ich vielleicht auch mal was beitragen. Das ist wundervoll. Vor nicht allzu langer Zeit hat Marcos Mama ihr Büchlein rausgeholt. Das war auch schön…
    Ich hatte mehr diese Fragebogen-Bücher, aber auch da war immer Platz für einen Spruch 😉

    Übrigens: als du nach Trossingen gegangen bist, hatten wir dir zum Abschied auch eins geschenkt – erinnerst du dich? ❤

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  2. Wunderschöner Post!
    In unserer Familie gibt es leider nur 2 Generationen Poesiealben (das von meiner Mama Jahrgang 1947 und meins Jahrgang 1978), aber mir hat das meiner Mutter immer weiter geholfen um schöne Sprüche für die Alben zu finden.
    Allerdings habe ich zusätzlich zum Poesiealbum auch schon ein Freundebuch besessen (mit Garfield drauf!) – bei mir mussten sich halt alle die doppelte Arbeit machen ;-)!
    Aber ich muss sagen, daß mir das Eintragen in die Alben von Freundinnen immer sehr viel Spaß gemacht hat und ich hoffe auch sehr, daß meine Tochter (Jahrgang 2011 :-)…) später auch mal eines haben wird. Wäre echt schade, wenn das total aus der Mode kommt!
    Interessant finde ich auch, daß man an den Eintragungen im Album recht gut sehen kann, ob das gute Freunde oder „nur“ Schulkameraden waren – man sieht bei einigen recht gut, ob sich große Mühe gegeben wurde, oder eben nicht so viel.
    LG
    Andrea

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  3. Hab schon lange keinen Blogeintrag mehr gelesen, wie diesen. Richtig toll. 🙂 Meine Generation (Kind der 90er) hatte noch beide Arten; in der Grundschule das klassische Poesiealbum, wo überwiegend 0815-Sprüche drin standen und mit 13/14 das Freundealbum.
    Bin immer noch ganz begeistert von deinem Post.
    LG

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  4. Was ist das für ein wunderbarer Eintrag. Ich weiß gar nicht, wie ich hierher gekommen bin, aber ich bin froh, dass ich es bin.
    Danke schön, viele alte Erinnerungen wurden wach und ich bedaure, dass mein Poesiealbum nicht mehr da ist. Ich weiß aber noch viele der Verse auswendig und kann sogar die Freunde noch zuordnen. Ich muss das unbedingt mal aufschreiben.

    Liebe Dank und viele Grüße
    Regina

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  5. Vier Generationen… Donnerwetter!
    Ich finde es erstaunlich wie sehr sich Poesiealben mit der Zeit verändert haben. Denn so ein Freundebuch hat mit dem Album aus den vierziger Jahren nicht wirklich viel gemeinsam.
    Die Bücher sind eine wunderschöne Erinnerung, und ich ärgere mich gerade darüber, dass mein eigenes bei irgendeinem Umzug im Papier-Nirvana verschwunden ist.

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  6. Ach Gott wie süß! 🙂 Ich hatte natürlich auch eins und bei mir mussten alle meine Freundinen und Klassenkameraden in der 3. bis 4. Klasse rein schreiben. Leider habe ich keine Ahnung, wo es über die Jahre hingekommen ist 😦

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  7. Liebe Viv,

    ich könnte Deinen Kommentar bei mir hier 1 zu eins übernehmen 🙂 Du hast aber eine noch schönere Sammlung weil größer. ich finde es genail. Also und jetzt zitiere ich Dich: Wunderschöne, sehr persönliche Sprüche – einfach schön! Heb’s gut auf!!!!!!

    Liebe Grüße

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  8. So ein toller Post, Vivi. Er hat mich dazu bewegt, eben mit meiner Mama (*1957) ihr Poesiealbum und auch das meiner Oma (*1929)mal wieder anzugucken. Ich selbst (*1980)habe auch ein Poesiealbum gehabt und auch lose Glanzbilder habe ich eben noch gefunden.:) Ein Freundealbum hatte ich allerdings auch. Mein großer Sohn hatte ein Kindergartenalbum und hat nun auch eines für die Schulfreunde. Der Kleine wird demnächst auch eins für die Kindergartenfreunde bekommen, denn ich sehe ja wie es jetzt beim Großen ist…seit er lesen kann sind die Eintragungen aus dem Kindergartenfreundebuch hoch interessant 😉 Poesiealben werden wohl, wenn es sie noch gibt, weiterhin Mädchensache bleiben 😉
    LG Janine

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