GREEN diary

Man könnte meinen, ich habe die Reise der letzten Tage erst nach Bekanntwerden der März-Mottos in Luzia Pimpinellas Fotoprojekt „Beauty is where you find it“ gebucht, aber dem war natürlich nicht so. Denn wohin könnte mich ein Urlaub zum Thema „grün“ besser führen, als auf die Insel der Kobolde, Kleeblätter und des Guiness‘?

Wie schon letzte Woche berichtet, war ich mit meinem Schülerorchester und meinem Ensemble auf Orchesterreise in Irland, wo wir am „Irish Open Accordion Festival“ teilgenommen haben. Alle Teilnehmer haben ihr Bestes gegeben und wirklich gut und souverän gespielt. Mit jedem unserer gelungenen Wettbewerbsbeiträge wurde ich ein kleines Stück größer und bei der Preisverleihung Samstag Abend wäre ich vor Stolz fast geplatzt (und war – zumindest gefühlt – mindestens einen Kopf größer als Juror und Akkordeon-Weltmeister Cory Pesaturo aus den USA 😉
So eine Preisverleihung ist schon eine spannende Angelegenheit. Das Pferd wird ja von hinten aufgezäumt mit den letzten Platzierungen, der Sieger jeder Kategorie wird am Schluss genannt. Mit jedem Namen, der nicht einer der unseren war, stieg die Spannung in’s Unermessliche und zu dem ungläubigen Kopfschütteln gesellten sich recht bald ein paar Tränen vor Rührung. Die beiden Solisten und das Ensemble des Schülerorchesters konnten sich über ihre ersten Goldmedaillen, persönliches Lob vom Weltmeister und die Anerkennung – nicht nur ihrer Orchesterkollegen – freuen!
Nach den Solisten folgten die Orchesterplatzierungen. Mit 90 von möglichen 100 Punkten räumte mein Schülerorchester VIVAccordia einen Pokal und den 2. Platz in der Kategorie „Junior Orchestra“ ab. Die Freudentränen darüber waren noch nicht ganz getrocknet, als schon das Ensemble „conAmici“ genannt wurde und mit (Zitat Jury) „amazing 94 points“ den ersten Platz in der Kategorie „Entertainment Orchestra“ belegte! WOW, sa-gen-haft!

Sogar Fiona bekam eine kleine Goldmedaille („Guck mal, Mama, ich hab eine Taille!“), weil sie so ruhig und diszipliniert von morgens um 9 bis spät abends durchgehalten und zugehört hat ohne Terror zu machen. Als sie nachmittags müde geworden ist, haben wir sie im Konzertsaal quer auf 2 Stühle gelegt und dort hat sie trotz teilweise wirklich sehr lauter Musik mit Schlagzeug, E-Gitarre und viiieeelen Akkordeons seelenruhig geschlafen…
Mit dem Doppeldecker-Hop-On-Hop-Off-Bus haben wir eine Stadttour durch Dublin gemacht (wo wir auch gewohnt haben), viele Sehenswürdigkeiten bestaunt, einen Abstecher in die Guiness-Brauerei gemacht (mit traumhaften Panorama-Blick über Dublin und einem kostenlosen Pint Guiness!) und vor allem den Disney-Store und die Gift-Shops leergeshoppt. Fasziniert hielten wir beim Shoppen inne und mussten einfach alle einer Streetband zuhören, die mit Schlagzeug, Gitarre, Bass, Saxophon und Hackbrett (!) wirklich gute Musik in der Fußgängerzone machte. „Those were the days“ wird wohl zu unserer heimlichen Irland-Hymne mit dem grünen Lebensgefühl werden (sobald ich es für meine Spieler arrangiert habe…).

Dem 5000 (!) Jahre alten Hügelgrab in Newgrange, in dem sich jedes Jahr im Frühling ein kleines Lichtwunder vollzieht, haben wir Montag einen Besuch abgestattet. Älter als die Pyramiden von Gizeh und Stonehenge, ist die Grabkammer ein architektonisches Meisterwerk, in das bis heute kein einziger Tropfen Wasser eindringen konnte. Das Besondere an Newgrange: der ca. 19m lange Gang in’s Innere der Grabkammer ist am Lauf der Sonne orientiert. Das ganze Jahr ist es in der Kammer stockdunkel, nur nicht am Tag der Wintersonnenwende. Dort fällt bei Sonnenaufgang ein Sonnenstrahl durch die Öffnung oberhalb des Eingangs, das Licht „läuft“ bis zum Ende des Ganges bis in die Grabkammer hinein, verweilt dort ein paar Minuten und zieht sich dann langsam wieder zurück. Man vermutet, die Menschen haben geglaubt, dass die Sonne die Seelen ihrer verstorbenen Angehörigen mit sich nahm oder ihnen neues Leben gab. Auch war es ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Geister den Menschen einen neuen Frühling bescheren und sie nicht in eisiger Kälte zurücklassen würden…Ein bisschen unheimlich das Ganze, aber unglaublich spannend. In’s dunkle Innere der Grabstätte konnten wir leider nicht, aber in einem 1:1 Modell wurde uns vorgeführt, wie das Sonnenspektakel Mitte Dezember abläuft.
Wenn man sich in der Ausstellung ansieht, wie die Menschen zu dieser Zeit gelebt haben und mit Stöckern und Tierfell ihre „Wohnungen“ gebaut haben, ist es noch unvorstellbarer, wie sie über 40-80 Jahre (der doppelten Lebenszeit eines Mannes damals!) ohne Kenntnisse von Architektur und Statik ein Bauwerk errichten konnten, was noch 5000 Jahre später steht und die Menschen in seinen Bann zieht. Oder hatten sie diese architektonischen und astrologischen Kentnisse und gaben sie wegen des erst zu erfindenden Buchdruckes nur nicht weiter…? Very mysterious!

Danach ging es auf die größte Burgruine Europas: Trim Castle, die einige vielleicht im Film „Braveheart“ mit Mel Gibson gesehen haben. Wir (und vor allem die Kinder) erfuhren viele interessante Fakten über die im 12./13.Jahrhundert erbaute Burg. Geschichtsdaten nur am Rande erwähnend, erklärte die nette Dame in höflichstem Englisch zum Beispiel, dass Angreifer die hinter eine Ecke gelegene enge Wendeltreppe rechtsherum hinaufsteigen mussten um in die oberen Etagen zu gelangen und somit kaum eine Chance hatten, die Burgbewohner zu erdolchen, wenn sie nicht gerade Linkshänder waren.
(Linkshänder galten im Übrigen als nicht gerade vertrauenswürdig, weshalb sie hauptsächlich stinkende Arbeiten ausführen mussten…) Die Treppenstufen hatten unterschiedliche Höhen, weshalb man durch laute Stolperer schon frühzeitig vor Angreifern gewarnt wurde und mit dem Schwert an der Treppe auf die Eindringlinge warten konnten. Für die Kids nicht übersetzt haben wir den dann folgenden Satz: „Then, there were heads of enemies rolling directly into the kitchen where they could make good soup of it…“
Neben zahlreichen fäkalen Details, wie z.B. der Tatsache, dass die Hinterlassenschaften an die Wand geschmiert wurden, damit jeder sehen konnte, dass dort fleischessende, also reiche, Menschen wohnen (Sagt man deswegen: „scheiß die Wand an“?!), erfuhren wir auch Strategien, wie Feinde versuchten, die Burg in Beschlag zu nehmen: im „toten Winkel“ des Turmes gruben sie ein Loch in die Burgwand, in dem Tierkadaver, meistens Schweine, angezündet wurden und lange Zeit brannten. Das sollte das Gemäuer schwächen. Feindabwehrmaßnahmen waren u.a. die Lepra-Keime, die im Fluss Boyne schwammen, der um die Burg fließt. Wenn es den Eindringlingen doch gelungen war, den Fluss zu überqueren und sie die Burg stürmen wollten, wurde die große Holztreppe als einziger Zugang von den Bewohnern einfach angezündet und Feinde konnten so nur auf das Aushungern der Burgleute warten. Die allerdings hatten auf der Nordseite eine Art großen Kühlschrank mit allerhand Nahrungsvorräten, waren also gut vorbereitet. Das war Geschichte zum Anfassen!

Als krönender Abschluss eines ereignisreichen Tages ging es dann auf die Causey Farm, wo wir die sogenannten „Ladies in Waiting“ (schwangere Schafe) im „Maaaa…ternity Shed“ bei der Geburt ihrer kleinen Lämmchen und deren erfolglosen Aufstehversuchen hinterher beobachten konnten! Fiona staunte über die vielen Schafe und rief laut: „Guck mal, Mama, da ist ein Ssaaf mit Hörnchen!“ Wir haben Eier bemalt, ein großes Stück umwerfend leckere Schokoladentorte gegessen und alles gestreichelt, was man streicheln konnte. Von Eseln, Pferden und Kühen, frisch geschlüpften Kükchen unter Rotlicht („oooooohhh!“) über niedliche Hundewelpen („aaaaaahhhh!“) bis hin zu kleinen rosa Ferkeln und fingersaugenden Lämmern („iiiiihhh, das lutscht!“) war alles dabei, was das tierliebe Herz höher schlagen lässt. Plötzlich wurden aus vorpubertären Zicklein und postkindlichen An-der-Mädchentür-Klopf-Machos wieder aufgeregte Kinder, die am liebsten alles Frischgeschlüpfte von dieser Farm im Koffer verstaut und geschmuggelt hätten 🙂 Besonders interessant war auch die sheepdog-Vorführung, bei der der Hütehund, ein Border-Collie, mit zackigen Bewegungen und flinken Fußes eine Herde Schafe zielgenau in unseren „menschlichen Zaun“ trieb und wieder zurück auf die Weide.
Fiona: „Der hat sson alle Ssaafe weggetrieben!“
Beim anschließenden Bodhrán-Kurs (das ist eine mit Ziegenfell bespannte, irische Rahmentrommel. gespr: boran) hatten wir riesigen Spaß mit Jig-, Reel- und Polka-Rhythmen und alle konnten ihre Musikalität beim Trommeln unter Beweis stellen.
Unsere rundum gelungene Orchesterreise endete ziemlich abrupt am nächsten Morgen um 4 Uhr mit dem Weckerklingeln. Zwar waren wir dafür um halb 11 schon wieder am Berliner Flughafen, verschliefen aber den restlichen Tag größtenteils und träumten von der grünen Insel und den eindrucksvollen Bildern, die sich uns bei bestem Wetter geboten haben… LOVELY! Nono würde sagen: „Benk ju matsch.“
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Autor: Mama 2.0

stoffverliebte 2fach-Mama, Berlinerin, iphoneaddict, Musikpädagogin. Liebt buntes Klebeband, geistige Herausforderungen und hat sich den Blick für das Schöne bewahrt. Happiness is not a destination, it is a way of life. Glas ist halbvoll und so, wa?

7 Kommentare zu „GREEN diary“

  1. „Benk ju matsch“ für den wundervollen Bericht und die tollen Bilder. Ich liebe die Erzählung über euren Farmbesuch (mag auch ein Stück Schokotorte haben!!!) und das schönste Fotos ist für mich das, auf den Fiona den kleinen Welpen streichelt, einfach herzallerliebst.

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  2. Hi Viv! Ich habe dein Bericht bereits gestern gelesen, allerdings gaaaanz spät, da war ich zu müde um noch zu kommentieren! Bin extra noch zurückgekommen um dir ein dickes Lob auszusprechen, ich fand dein Reisebericht wunderbar: witzig, lehrreich, süß und auch spannend! Herzlichen Glückwunsch zu eurer sagenhafte Leistung bei dem Wettbewerb, Hut ab! Irland ist wirklich ein wunderschönes Land. In Dublin war ich zwar nur einmal, viele Jahre her… deine wunderschönen Bilder haben tolle Erinnerungen erweckt!

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  3. Hallöchen,
    Grün soll ja bekanntlich die Farbe der Hoffnung sein – und bei euch hats geklappt! Herzlichen Glückwunsch zur tollen Platzierung!!! Und dein Bericht ist wirklich sehr schön geschrieben – da habe ich sofort Lust bekommen auch mal nach Irland zu fliegen.
    Ganz lieben Gruß
    Sabrina

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